Didaktik und Digitale Lehre - Zentrale Serviceeinheit für Lehrende
Das Team Didaktik und Digitale Lehre der Hochschule RheinMain unterstützt Lehrende aller Fachbereiche bei der Konzeption und Umsetzung didaktischer und digitaler Elemente in der Lehre.
Prof. Dr. Florin Kerle: Addressing Bodies of Water
Das zweisemestrige Theorie‑Praxis‑Projekt „Addressing Bodies of Water — Intersektionale Perspektiven auf Wasser“ (Fachbereich Sozialwesen) wurde mit dem Preis für Gute Lehre 2025 in der Kategorie „Nachhaltigkeit“ ausgezeichnet. Das Angebot richtet sich an Studierende des Bachelors Soziale Arbeit (4.–5. Semester; ca. 25 Teilnehmende) und verknüpft fachliche Vertiefung mit forschendem Lernen, partizipativer Projektarbeit und einem eigenständigen Wissenstransferformat — dem studentisch organisierten „Kongresstival“.
Kernkonzept und eingesetzte Formate
Im ersten Semester legen thematische Inputs zu Wasserungleichheiten, Nachhaltigkeit und sozial‑ökologischen Transformationsprozessen die theoretische Basis. Auf dieser Grundlage entwickeln Studierende eigene Lernforschungsprojekte, die in Projektwerkstätten und individuellen Coachings begleitet werden. Empirische Zugänge — etwa ethnographische Beobachtungen — sowie Exkursionen (Umweltamt, Naturschutzgebiet) schaffen erfahrungsbasierte Lerngelegenheiten und verankern regionale Bezüge. Im zweiten Semester planen und realisieren die Gruppen das „Kongresstival“ als öffentliches Wissenstransferformat; Gestaltung, Inhalte und Nachhaltigkeitsaspekte werden partizipativ verhandelt.
Besonders hervorzuheben ist die demokratische, partizipative Planung dieses Kongresstivals: Entscheidungen zu Format, Abstimmungsverfahren, räumlicher Gestaltung oder Verpflegung wurden gemeinsam verhandelt — mit Blick auf Ressourcenverbrauch und Diversität. Die Verbindung von Theorieinput, empirischer Forschung, Workshop‑Settings und öffentlichen Veranstaltungspraktiken schafft ein „Reallabor“, in dem Studierende Verantwortung übernehmen und praxisrelevante Kompetenzen einüben.
Wovon können Sie sich inspirieren lassen?
- Zwei‑semestrige Anlage ermöglicht eigene Lehrforschungsprojekte und Transfer.
- Frühzeitige Projektwerkstätten und Coaching sichern Prozesstiefe.
- Vielfältige Lehr-Lernformate und Einbezug lokaler Partner:innen (u.a. Gastvorträge, Exkursionen, Projektwerkstätten, Coachings, Plena).
- Partizipative Eventplanung vermittelt Demokratie‑ und Projektkompetenzen.
Dreieinhalb Fragen an Prof. Dr. Florin Kerle
Prof. Dr. Kerle, wie sind Sie auf die Idee für die Gestaltung der Lehrveranstaltung gekommen? Was brauchte es, damit die Idee Realität werden konnte?
Ich hatte seit Längerem die Idee, ein Seminar zu Wasser & Sozialer Arbeit anzubieten. Angeregt hat mich die Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen Zugängen zu Wasser, insbesondere posthumanistischen und ökofeministischen Positionen, über die ich u. a. auch bei Bodenseespaziergängen reflektierte. Mich begeistert, dass entlang des Themas Wasser verschiedene Nachhaltigkeits- und Klimagerechtigkeitsfragen für die Soziale Arbeit verhandelt werden können, aber auch breite Anschlüsse für die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Akteur*innen möglich sind und zugleich unsere eigenen Körper(lichkeiten) und Naturbeziehungen reflektiert und erfahrbar gemacht werden können. Bei Antritt meiner Professur an der HSRM im Dezember 2024 habe ich dann eine große Offenheit für innovative Lehrkonzepte sowie einen großen Gestaltungsspielraum erlebt, die mich sehr motivierten, diese Ideen kreativ weiterzudenken. Die im Bachelor Soziale Arbeit verankerten zweisemestrigen Theorie-Praxis-Projekte gaben mir die ideale Struktur zur Erprobung des Formats. Dass das Seminar und die Abschlussveranstaltung, das Kongresstival, in dieser Form stattfinden konnten, war auch den Ideen und dem Engagement der Studierenden zu verdanken, die sich für das Thema begeistert haben und gemeinsam das Kongresstival entworfen, geplant und durchgeführt haben.
Was war Ihnen bei der Gestaltung der Veranstaltung besonders wichtig?
Für die Gestaltung der Lehrveranstaltung war es mir besonders wichtig, dass die Studierenden ihre eigenen Ideen und Interessen zu den Fragestellungen einbringen konnten, sodass ich u. a. mit dem Ansatz des forschenden Lernens arbeitete und das Seminar insgesamt sehr partizipativ gestaltete. Insgesamt war es mir bei der Konzeption des Seminars wichtig, ökologische Krisen und Klimaungerechtigkeiten nicht ausschließlich als abstrakte Phänomene, sondern auch als Themen zu rahmen, die uns persönlich betreffen und zu engagiertem Handeln auffordern – mit allen Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten, die sich daraus möglicherweise ergeben. Durch Exkursionen haben wir beispielsweise immer wieder Bezüge zur Stadt(-gesellschaft) Wiesbaden, zur Natur in Hessen und zur eigenen Lebenssituation hergestellt. Das Kongresstival selbst ist ein Beispiel dafür, wie Wissenschaftskommunikationsformate nachhaltig und niederschwellig gestaltet werden können. Zuletzt war mir auch wichtig, die Neugier und Begeisterung, die ich selbst für das Thema Wasser und Soziale Arbeit habe, in die Lehrveranstaltung einzubringen.
Welche Tipps haben Sie für Lehrende, die eine ähnliche Veranstaltung initiieren möchten?
Im Zweifel für den Zweifel & trust the process. Ich bin davon überzeugt, dass transformative Bildung vor allem Dialog und gemeinsame Lernprozesse in der Gruppe benötigt. Das bedeutet, Seminarkonzepte nicht vollständig vorzustrukturieren und zu standardisieren, sondern sich auch an den Impulsen und Ideen der Studierenden zu orientieren. Dies fordert uns als Lehrpersonen heraus, Komfortzonen zu verlassen, uns stärker auf Prozesse einzulassen, eigene machtvolle Rollen zu reflektieren, Räume für kontroverse Diskussionen im Seminar zu halten, mögliche Unsicherheiten und Ambivalenzen auszuhalten, neue Themenschwerpunkte in Seminare zu integrieren und uns möglicherweise von wohlbekannten Inhalten zu verabschieden. Dieses Beweglich-Bleiben bietet viele Chancen für die Eröffnung kreativer Denkräume. Für die partizipative Gestaltung von Lehr-Lern-Settings braucht es neben der genannten Haltung jedoch auch eine gute methodisch-didaktische Vorbereitung und Begleitung sowie ausreichend Zeit für gemeinsame Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse.
Und die Didaktik dahinter…
… ist unter anderem inspiriert von bell hooks’ intersektional-feministischen und klassismusreflektierenden Überlegungen zu einer „engagierten Pädagogik“ sowie von verschiedenen konzeptionellen Überlegungen zur Lehre zu Klimagerechtigkeit und Nachhaltigkeit, die ich immer wieder in einer Didaktik-Fachgruppe reflektiere. Zudem nutze ich den Ansatz des forschenden Lernens, etablierte Forschungswerkstätten, individuelle Coachings, Planungsplena, Selbsterfahrungselemente usw. Aktuell arbeite ich an einer Publikation zum Seminar und seiner Didaktik, in der alles Weitere nachgelesen werden kann. Darüber hinaus sind Diversitätskompetenzen von Lehrenden erforderlich, um eine wertschätzende Atmosphäre für alle* zu gestalten und letztlich braucht gute Lehre immer auch Hochschulstrukturen, die Vielfalt und Diversität von Lehrenden und Studierenden ermöglichen.