Welchen Wert der gebaute Bestand für das Bild einer Stadt hat – darum ging es gestern Abend im Studio ZR6 in Wiesbaden. Drei Professoren des Fachbereich Architektur und Bauingenieurwesen der Hochschule RheinMain (HSRM) gingen nach praxisnahen Impulsvorträgen in eine Podiumsdiskussion und anschließend in den Dialog mit den Teilnehmenden.
Wurde das Bauen im 20. Jahrhundert zumeist mit Neubau verbunden, rückt seit einiger Zeit das Thema Bauen im Bestand in den Fokus von Praxis und Lehre. „Wir müssen eine andere Wertedebatte führen über unsere Alltagsarchitektur, die 50 Prozent unserer Architektur ausmacht“, so Prof. Volker Kleinekort. In seiner Präsentation zeigte er diese mit Blick auf Gebäude seit den 1950er Jahren: Wohnbauten, Kirchen, Parkhäuser oder aus der Nutzung fallende Warenhäuser, die Teil der Heimat von Menschen sind. Prof. Georg Ebbing stellte ein Buch mit zahlreichen Fotos aus studentischen Projekten vor, die stadtteilbildende Bauten zeigen. Genau wie der Historismus müsse die Alltagsarchitektur der Nachkriegszeit rehabilitiert und ihr Wert erkannt werden. „Wir müssen manchmal genau hinschauen, um spannende Details zu erkennen“, so Prof. Ebbing.
Die Suche nach dem Besonderen in solchen Bauten zeigte auch Prof. Daniel Seiberts am Beispiel des Hauses der Jugend in Pforzheim auf. Wurde zunächst ein Abriss favorisiert, konnte durch Sanierung und Erweiterung der Wert für viele Menschen, für die das Gebäude biografieprägend war, erhalten werden. „Das ist uns auch in der Lehre wichtig: Was ist der soziale Wert eines Gebäudes?“, so Prof. Seiberts, der in puncto Nachhaltigkeit neben den Umweltkosten des Bauens auch diese Dimension betonte.
Alle drei Professoren waren sich einig, dass das Sichtbarmachen der Alltagsarchitektur durch die Fachwelt für die Öffentlichkeit von großer Bedeutung ist und zu einer Bewusstseinsänderung bei Architekt:innen, aber auch in der Gesellschaft führen könne.
Austauschformat mit und für die Gesellschaft
Die Veranstaltungsreihe HSRM-Dialog lädt dazu ein, gemeinsam mit Expert:innen der HSRM und Interessierten über aktuelle wissenschaftliche Themen zu diskutieren und sich auszutauschen. Wissenschaftler:innen und auch Gäste aus der Wirtschaft liefern den passenden Input und stellen ihre Forschungen oder Tätigkeiten an verschiedenen, öffentlichen Orten in Wiesbaden und Rüsselsheim vor.