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Ausstellungseröffnung: DIALOG IM MUSEUM #8 – My Home Is My Parcel. Kann Onlineshopping nachhaltig sein?

Eröffnung der Ausstellung durch (v.l.): Thomas Heimer, wissenschaftlicher Leiter IMPACT RheinMain, Uwe Münzing, Professor für Innenarchitektur, Hochschule RheinMain, Holger Kleine, Professor für Künstlerisch konzeptionelles Entwerfen, Hochschule RheinMain, Peter Cachola Schmal, Direktor Deutsches Architekturmuseum, Sandra Speer, Projektkoordinatorin IMPACT RheinMain © IMPACT RheinMain

Wer die Stufen ins Atrium des Deutschen Architekturmuseums (DAM) hinuntersteigt, wird sich unangenehm ertappt fühlen ­– so vertraut dürfte den meisten der Anblick von Karton und Paketband sein, mit denen die Ausstellung „My Home Is My Parcel“ seine Besucherinnen und Besucher selbst zu umschließen droht. Denn in Zeiten des Onlineshoppings ist das Paket im privaten Wohnbereich genauso zu Hause, wie auf der örtlichen Poststelle. Innerhalb der u-förmigen Anordnung der Ausstellungsfläche fühlt man sich beinahe selbst wie in einem Paket. Gleichzeitig aber öffnet diese den Blick auf zehn Studierendenprojekte, allesamt entstanden im Masterstudiengang Innenarchitektur_Conceptual Design an der Hochschule RheinMain, die unseren Umgang mit der Onlineware völlig neu denken. Unter der Leitung der Professoren Uwe Münzing und Holger Kleine stellten sich die Studierenden der Aufgabe, den Onlinehandel nicht nur für die Umwelt nachhaltiger zu gestalten, sondern die Schnittstelle zwischen Kunde und Ware wieder sinnstiftend in den öffentlichen Raum zu verlagern.

Kein „schöner Shoppen“

Aber was hat Onlineshopping eigentlich mit Innenarchitektur zu tun? Eine ganze Menge. Denn Innenarchitekten und -architektinnen gestalten nicht nur die Räume, die uns umgeben, sondern auch die Handlungen, zu denen uns diese Räume herausfordern. Sie entwerfen also nicht nur Räume, sondern auch Formen des Zusammenlebens und des gemeinsamen Umgangs.

Die Bilanz ist für unsere Umwelt so verheerend wie für unsere Städte. Durch die Individualisierung der Bestellungen und meist kostenlose Möglichkeit der Retournierung vervielfachen sich die Wege der Waren. Die Kosten ihrer Verschrottung fallen gegenüber denen ihrer Lagerung kaum ins Gewicht. Einzelhandelsflächen stehen leer, während die Straßen vor Paketlieferwagen verstopfen. Nicht zuletzt schwinden durch die Bestellung per Knopfdruck und die Lieferung frei Haus die Kontakte mit der Nachbarschaft, was zur Isolierung und schleichendem Persönlichkeitsabbau führen kann. Es kann also nicht darum gehen, dass Einkaufen einfach nur schöner zu gestalten.

Potenziale des öffentlichen Raums nutzen

Die Arbeiten der Studierenden beweisen nicht nur ein akutes Bewusstsein für die fatalen sozialen Konsequenzen unseres Einkaufsverhaltens, sondern auch für die ungeahnten Potenziale der Stadt der Zukunft. Wenn Lea Weber in ihrer Arbeit „Parcell“ vorschlägt, Pakete in Großzentren am Stadtrand zu lagern, sie mit solarbetriebenen Autorickschas in die namensgebenden Parcell-Stationen in der Innenstadt zu liefern, die auch als Kulturzentren dienen, um sie von dort an Paketstationen zuzustellen, die sich an Bus- und Bahnhaltestellen befinden, dann ist dabei die Stadt ohne Auto schon mitgedacht.

Das Gleiche gilt für Deborah Gasses Vorschlag der „ParceLabs“. Für deren Einrichtung eignen sich besonders in Folge eines neuen Mobilitätsverhaltens leerstehende Parkhäuser in der Innenstadt. Aus ihnen werden Hybride aus Gewächshaus und Paketstation. Die Ware wird vor Ort aus der Verpackung entnommen, so dass die kompostierbare Wellpappe durch das sogenannte Sheetmulching-Verfahren als Humus für Keimlinge dient.

Wie sich neben Verpackungsmüll auch noch auf die Entsorgung von Retourenware verzichten lässt, zeigt Pia Betz‘ „Berliner Retourenpassage“. Die ist Paketlieferhalle und Retourenkaufhaus in einem und erspart der Ware den doppelten Weg. Stattdessen wird die ungewollte Ware im integrierten Kaufhaus angeboten, denn Onlinehandel und Einzelhandel müssen keineswegs einander ausschließen.

Diese und weitere Projekte sind noch bis zum 28. Juni im Atrium des DAM zu sehen. Wer sich sofort einen Einblick verschaffen will, erhält hier virtuellen Zugang zum Ausstellungsfilm, in dem die Studierenden ihre Projekte selbst vorstellen. Außerdem finden Sie hier einen Film zur Ausstellung mit Kommentaren der Professoren.

Am Dienstag, den 23. Juni 2020, findet eine virtuelle Podiumsdiskussion statt, in der sich Benjamin Bierwirth, Professor für Supply Chain Management an der Hochschule RheinMain, und Andreas Thiesen, Professor für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule RheinMain mit Fragen der Nachhaltigkeit im Onlinehandel beschäftigen. Moderiert wird die Veranstaltung von Prof. Holger Kleine. Die Anmeldung zur Teilnahme steht allen Interessierten unter folgendem Link offen: www.hs-rm.de/dialog-im-museum

Den Katalog zur Ausstellung können Sie hier online lesen, oder die Printausgabe im Shop des Deutschen Architekturmuseums unter folgender Adresse bestellen: dam-online.de/publikationen