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Virtuelle Podiumsdiskussion: Kann Onlineshopping nachhaltig sein?

Holger Kleine, Professor für Künstlerisch konzeptionelles Entwerfen an der Hochschule RheinMain, Moderator der virtuellen Podiumsdiskussion © IMPACT RheinMain

Eindruck von der virtuellen Podiumsdiskussion © IMPACT RheinMain

Blick in die Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum © DAM/Foto: Moritz Bernoully

DIALOG IM MUSEUM #8 – My Home Is My Parcel

Peter Cachola Schmal, der Direktor des Deutschen Architekturmuseums (DAM), steht auf dem Parkplatz einer Aldi-Filiale im Frankfurter Ostend und begrüßt die rund 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der achten Ausgabe der IMPACT RheinMain-Veranstaltungsreihe Dialog im Museum durch die Kamera seines Handys. Corona-bedingt findet die Podiumsdiskussion My Home Is My Parcel zur Frage der Nachhaltigkeit des Onlineshoppings virtuell statt.

Umso eindrücklicher ist Schmals Auftritt vor einer Paketstation – videoüberwacht, 24 Stunden am Tag zugänglich und am besten mit dem Auto zu erreichen – die den Status quo der gegenwärtigen Versandhandelsinfrastruktur eindrücklich vor Augen führt: Die Schnittstelle zwischen Paket und Kunde ist im öffentlichen Raum zum Nicht-Ort geworden. „Das ist nicht das, was wir unter Urbanität verstehen,“ konstatiert Schmal.

Wie diese Schnittstelle einen tatsächlichen Beitrag zur Urbanität leisten könnte, das diskutierten am gestrigen Abend Benjamin Bierwirth, Professor für Supply Chain Management an der Hochschule RheinMain, und Andreas Thiesen, Professor für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit ebenfalls an der Hochschule RheinMain. Moderiert wurde das Gespräch von Holger Kleine, Professor für Künstlerisch konzeptionelles Entwerfen an der Hochschule RheinMain. Gemeinsam mit Uwe Münzing, der den Masterstudiengang Innenarchitektur und Conceptual Design an der Hochschule RheinMain leitet, konzipierte er die Ausstellung My Home Is My Parcel, die der Diskussion zugrunde lag. In dieser sind die Arbeiten von Studierenden des Masterstudiengangs zu sehen, die im Rahmen eines Seminars unter der Leitung der beiden Professoren im Wintersemester 2019/20 entstanden sind.

Onlineshopping hat einen nicht nur guten Ruf

Holger Kleine steckt in seiner Einleitung sogleich den Rahmen der Diskussion ab. Grundlage der gemeinsamen Arbeit mit den Studierenden war von vornherein die Annahme: „Onlineshopping ist da und geht nicht wieder weg, es wäre falsch zu denken, die Welt wäre ohne Onlineshopping besser.“ Die Aufgabe von Innenarchitekten und -architektinnen sieht er nicht darin die anregendste Wandfarbe für Geschäfte auszuwählen, sondern Räume zu gestalten, die bestimmte Verhaltensweisen inspirieren. Es geht folglich darum „Nachfrage, die bereits existiert nicht nur [zu] befriedigen, sondern Nachfrage [zu] gestalten“.

Wenn es nicht darum gehen kann das Onlineshopping gänzlich abzuschaffen, dann lassen sich vielleicht seine negativsten Folgen in den Griff bekommen. Doch gerade das Problem der Retourensendungen, die sich im Jahr 2018 auf 280 Millionen beliefen, ist laut Benjamin Bierwirth schwer in den Griff zu bekommen. Eine Möglichkeit sieht er in der Besteuerung des Transports entlang von Emissionswerten.

Utopischere Konzepte, groß angelegte Tunnelsysteme wie sie etwa das Unternehmen CargoCap oder Elon Musk mit Hyperloop planen, sieht Bierwirth kritisch. Solche Konzepte seien für den Bereich der Logistik zu aufwendig hinsichtlich ihrer Infrastruktur, die sich kaum den im ständigen Wandel begriffenen Bedürfnissen anpassen können. Viel wichtiger sei es stattdessen, vorhandene Infrastruktur zu nutzen und Ströme zu bündeln, so könnten Busse und Bahnen auch für den Pakettransport genutzt werden. Kleine verweist auf die von der DHL entwickelten Cubicycles, als umweltschonende Alternative für den herkömmlichen Kleintransporter.

Nachhaltig ist nicht gleich sozial

Andreas Thiesen ist skeptisch was die Versprechungen eines Green New Deal und den alleinigen Fokus auf umweltschonende Maßnahmen angeht. Konzepte wie der Einsatz von Lastenrädern zur Einsparung von CO2-Emissionen greifen seiner Meinung nach zu kurz und auch die Kurierfahrt im E-Auto schütze nicht vor prekären Arbeitsverhältnissen.

Thiesen ist zudem kritisch, was Projekte wie Lea Webers „Parcell“ angeht, ein Konzept, dass Paketstationen in Botenklubs nach sozialistischem Vorbild verwandelt: Hier werden nicht nur Pakete angeliefert, hier planen die Boten ihre Routen, hier können sie schlafen und Massagen und Physiotherapie erhalten. Von Kino über Bar bis hin zum Reparaturcafé könnte hier alles geboten werden. Thiesen sieht darin zum einen die Gefahr einer Ästhetisierung des Prekariats, also die Aufhübschung durch schöne Angebote von prekären Arbeitsstrukturen. Zum anderen fragt er sich, ob ein Massageangebot nicht an der Lebensrealität vieler Boten und Botinnen vorbeigehe.

Bierwirth sieht im Studierenden-Projekt vielmehr einen Denkanstoß, auch Kleine verweist auf den entwerfenden, in die Zukunft projizierenden und in gewissem Maße spekulativen Charakter der Arbeit. Gleichzeitig betont er, wie wichtig es sei, die Gruppe der Paketboten und -botinnen nicht als homogene Gruppe aufzufassen. Wer sage denn, dass sich hier niemand finden solle, der eine Massage zu schätzen wisse?

Interdisziplinärer Blick auf das Thema

Drei Perspektiven aus ganz unterschiedlichen Disziplinen auf ein Thema, das uns alle in Zukunft noch lange beschäftigen wird. In einem sind sich allerdings alle Diskutanten einig, das Lamentieren, der Onlinehandel zerstöre die Innenstädte, weil er dem stationären Handel das Wasser abgrabe, führt ins Leere. Es stehe doch durchaus infrage, wie wertvoll die Ladenflächen für das öffentliche Leben seien. Könnten diese nicht besser für soziale oder gemeinnützige Projekte genutzt werden? Fest steht, die Innenstädte befinden sich im Wandel und die Digitalisierung trägt ihren Teil dazu bei. Nun gelte es sich diesen Veränderungen zu öffnen und sie sozial und nachhaltig zu gestalten. Die Arbeiten der Studierenden leisten dazu einen kaum zu überschätzenden Beitrag.

Den Katalog zur Ausstellung mit Beschreibungen der Arbeiten und Hintergrunddaten zum Thema Onlinehandel können Sie hier online lesen, oder die Printausgabe im Shop des Deutschen Architekturmuseums unter folgender Adresse bestellen: dam-online.de/publikationen

Die Ausstellung My Home Is My Parcel ist noch bis einschließlich 28. Juni 2020 im DAM zu sehen. Wer sich vorab einen Einblick verschaffen will, erhält hier virtuellen Zugang zum Ausstellungsfilm, in dem die Studierenden ihre jeweiligen Projekte selbst vorstellen. Außerdem finden Sie hier einen Film zur Ausstellung mit Kommentaren der Professoren.

Ein Mitschnitt der Veranstaltung ist hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=jrTN7jp6lgo