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WOHN-VISIONEN: Lebenswerte Quartiere – Anforderungen an die Stadtplanung

Heidi Diemer, Koordinierungsstelle für Wohninitiativen und Baugemeinschaften, SEG Wiesbaden, begrüßt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der virtuellen Podiumsdiskussion © IMPACT RheinMain

Vortrag von Andreas Hofer, Architekt und Intendant der Internationale Bauausstellung 2027 der Stadtregion Stuttgart © IMPACT RheinMain

Prof. Dr. Michael May, Studiengangsleitung MAPS-Sozialraumentwicklung, Hochschule RheinMain © IMPACT RheinMain

Zum Thema „Lebenswerte Quartiere – Anforderungen an die Stadtplanung“ begrüßte Heidi Diemer, Koordinierungsstelle für Wohninitiativen und Baugemeinschaften, SEG Wiesbaden, virtuell über 60 interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Austausch über die Planung und Gestaltung der Räume unserer Zukunft. In der Online-Veranstaltung aus der Reihe „Wohn-Visionen“ von IMPACT RheinMain wurde mit Expertinnen und Experten sowie Bürgerinnen und Bürgern unter der Moderation von Andreas Börner, Akteur des Runden Tisches für gemeinschaftliches Wohnen, diskutiert, was Stadtplanung konkret für innovative Projekte des gemeinschaftlichen Wohnens tun sollte.

Bauen ist Ausdruck der Kultur, aber auch Wirtschaftsfaktor

Andreas Hofer, Architekt und Intendant der Internationale Bauausstellung 2027 der Stadtregion Stuttgart, stellte mehrere Projekte und Themen zum Bauen von lebenswerten Quartieren vor, die ihn schon lange beschäftigen. Dabei wurde ersichtlich, welche unterschiedlichen Herausforderungen eine Rolle spielen und dass Bauen nicht nur Ausdruck der Kultur, sondern auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist.
Wie schon vor 150 Jahren in der industriellen Stadt ist Wohnen heute wieder zur großen sozialwirtschaftlichen Frage geworden. Derzeitige Herausforderungen sind unter anderem der steigende Wohlstand, immer kleinere Haushalte, eine starke Preisdynamik, zunehmende Verdrängungsprobleme, die Knappheit ökologische Ressourcen und die Umnutzung von Bauten. Damit verbundene Probleme betreffen die Vermögensverteilung zwischen Arm und Reich: Immobilien sind derzeit eher (Finanz-)Anlage als Lebensraum. Die Wohnwünsche sind enorm breit und vielfältig und können sich im Laufe der Zeit ändern: So sinkt der Wunsch bei älteren Menschen nach einer individuellen Altersresidenz, der Wunsch nach gemeinschaftlichem Wohnen hingegen steigt. Ziele sollten Kompaktheit und Gemeinschaft sein, zum Beispiel in Form von Cluster-Wohnungen, bei denen Personen eigene Rückzugsbereiche aber auch gemeinsame Räume nutzen können. Ebenso sollten bestehende Strukturen neu wertgeschätzt und dauerhafte, robuste Städte genutzt werden, um den hohen Einsatz ökologischer Ressourcen für Neubauten zu vermeiden. Die Stadt müsse zugleich zur urbanen Mine, zum Kraftwerk werden, in dem mehr Energie erzeugt als verbraucht wird.
Bei weiteren, bereits existierenden Beispielen, steht die Wiederverwendung von Baustoffen im Vordergrund. Materialien von Abbruchliegenschaften oder demontierbaren Gebäuden werden in Datenbanken erfasst und Lagerhäusern gesammelt und dann für Neubauten verwendet. Schließlich sollten frei werdende Flächen in Städten für mehr Koproduktion, Maker-Spaces, und Sharing verwendet werden und Orte der Bewegung und Begegnung werden. Die Stadtentwicklung sollte um die Knotenpunkte in der Stadt stattfinden und Begegnungsorte mit Aufenthaltsqualität schaffen.

Klarer politischer Wille notwendig

Camillo Huber-Braun, Stadtplanungsamtsleiter der Stadt Wiesbaden, berichtete daraufhin aus Perspektive der Stadtpolitik. Er betonte, dass ein klarer politischer Wille notwendig sei, um die zwei zentralen Herausforderungen Klimawandel und soziale Ungleichheit anzugehen. Diese manifestieren sich im Thema Wohnen. Flächenbesitz und Einlagerung von Flächen durch die Stadt sind notwendig für eine aktive Steuerung der Stadtentwicklung. Für gute Quartiere werden drei Qualitätsbausteine benötigt: ein gutes Mobilitätsangebot im und am Quartier, gute Nutzungsmöglichkeiten des öffentlichen Raums sowie die Berücksichtigung der Energiebilanz und des Klimas. Bei der Vergabe von Grundstücken sollten Konzeptverfahren Standard sein. Dafür sei eine aktive Wohnpolitik gefragt.

Selbstorganisation und Individualität in Planungen einbeziehen

Prof. Dr. Michael May vom Fachbereich Sozialwesen der Hochschule RheinMain fügte einen weiteren Qualitätsbaustein hinzu: Die Menschen, die in den Quartieren leben sollen, sollten sich nicht anpassen müssen, an das was für sie von anderen geschaffen wurde, sondern an der Entwicklung partizipieren und die eigene Individualität und Kultur einbringen können. Dazu sei es notwendig, dass Partizipationsverfahren moderiert werden, um diese Personen mit in die Planungen einzubeziehen.

Experimentier- und Erfahrungsräume fachlich begleiten

Dr. Rena Wandel-Hoefer, Vorsitzende des Gestaltungsbeirats der Stadt Wiesbaden, kritisierte, dass sich trotz der guten Worte in der Realität relativ wenig verändere. Die Rahmenbedingungen für die Stadtentwicklung seien wirtschaftsgetrieben und in der juristischen Überregulierung gefangen. Zentral erforderlich sei eine zielgerichtete Bodenpolitik in der Stadt. Dies erfordere politischen Willen und muss sich an sozialen und nicht wirtschaftlichen Zielen orientieren. Dazu müssten Experimentier- und Erfahrungsräume sowie entsprechende Verfahren eröffnet und fachlich gut begleitet werden. Zudem benötigen diese Selbstorganisationsformen Zeit, die man einräumen müsse.

Konzeptvergabe zunehmend gefragtes Verfahren

Auch Roland Stöcklin, Geschäftsführer der SEG Wiesbaden, merkte an, dass neue, innovative Stadtteile dazu dienen können, das Angebot an hochwertigem Wohnraum zu erhöhen. Was in Zukunft innovativ sein wird, werde noch zu sehen sein, da eine lange Zeitspanne notwendig sein könne, bis gemeinschaftliches Wohnen umgesetzt werden könne. Die Grundstücksvergabe durch Konzeptverfahren, die in der Stadt Wiesbaden nach knapp einem Jahr erst am Beginn steht, sei momentan noch etwas Besonderes und eher die Ausnahme. Nach Camillo Huber-Braun ist dies aber ein zunehmend gefragtes Konzept bei allen Fraktionen der Stadt Wiesbaden.

Städtebau lernen und Partizipation moderieren

Andreas Hofer wies schließlich darauf hin, dass die Gesellschaft immer noch in einer Phase des Lernens sein und die Städtebau-Disziplin derzeit neu entdeckt werde. Bauformen der Gründerzeit, der 60er- und 70er-Jahre sowie des Industrie-Areals könnten als Möglichkeiten gesehen werden, um daraus zu lernen. Andreas Börner betonte, dass neben Städteplanern auch Sozialwissenschaftler, Psychologen und Künstler miteingebunden werden sollten. Prof. Dr. Michael May ergänzte, dass es in Wiesbaden viel Potenzial gäbe, Menschen in Planungsprozesse einzubeziehen. Es bedarf dazu vor allem einer besonderen Moderation und Klärung von individuellen Wünschen und Bedürfnissen.

Ein Mitschnitt der Veranstaltung ist hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=Mfs11dkDhPo