Wie entsteht ein Airbus? Wie sieht der Berufsalltag eines Testpiloten aus? Und wie werden Fluglotsinnen und Fluglotsen ausgebildet? Antworten darauf suchten zehn Studierende der Hochschule RheinMain vom 5. bis 9. Oktober 2026 in Toulouse, dem Herzen der europäischen Luftfahrtindustrie. Organisiert hatte die Exkursion Prof. Martin Müller, Leiter des Studiengangs & der Studienrichtung Elektro- und Luftfahrttechnik. Mit dabei waren Studierende der Elektro- und Luftfahrttechnik, des Maschinenbaus sowie des Internationalen Wirtschaftsingenieurwesens vom 2. bis zum 8. Fachsemester.
Vom Super Guppy bis zum Beluga
Am Flughafen empfing ein Kommilitone, der in Toulouse aufgewachsen ist, die Gruppe stilecht mit frischen Croissants und „Chocolatines“, wie das „Pain au Chocolat“ in der Region heißt. Von dort ging es direkt ins Luftfahrtmuseum Aeroscopia in Blagnac. Es wurde 2015 in unmittelbarer Nachbarschaft der Hallen eröffnet, in denen einst der A380 montiert wurde. Auf rund 35.000 Quadratmetern, verteilt auf eine 7.200 Quadratmeter große Halle und drei Außenflächen, sind etwa 40 Luftfahrzeuge ausgestellt: von der Concorde über die Caravelle und den allerersten Airbus A300B bis zum A380, dessen Produktion zwischenzeitlich eingestellt wurde. Besonders eindrucksvoll ist, dass die Airbus-Transportflugzeuge Super Guppy und Beluga ST hier fast Seite an Seite stehen.
Mit diesen zwei Generationen von Transportflugzeugen beförderte Airbus Flügel und Rumpfsektionen zwischen seinen europäischen Werken. Die Beluga-ST-Flotte wurde kürzlich vom größeren BelugaXL abgelöst. Eines der Flugzeuge ist deshalb seit diesem Sommer im Museum zu sehen. Es ist weltweit das erste Exemplar seines Typs, das dauerhaft in eine Museumssammlung aufgenommen wurde.
Drohnenhalle und Tower-Simulator an der ENAC
Am zweiten Tag war die Gruppe zu Gast an der École Nationale de l'Aviation Civile (ENAC), Frankreichs staatlicher Hochschule für die zivile Luftfahrt und Erasmus-Partner der Hochschule RheinMain. Rund 1.800 Studierende aus 120 Nationen werden hier zu Ingenieurinnen und Ingenieuren, Fluglotsinnen und Fluglotsen oder Pilotinnen und Piloten ausgebildet. Neben dem Hauptcampus in Toulouse betreibt die ENAC acht weitere Standorte in Frankreich und hat eine eigene Flotte von 96 Flugzeugen.
Zunächst stellte die ENAC ihre vollständig englischsprachigen Masterprogramme und das dazugehörige Bewerbungsverfahren vor. Die zweijährigen Programme richten sich an Absolventinnen und Absolventen ingenieur- und naturwissenschaftlicher Bachelorstudiengänge. Thematisch nah an der Elektro- und Luftfahrttechnik liegt etwa der Master in Aerospace Systems – Navigation and Telecommunications. Daneben gibt es aber auch Programme zu Systementwurf und Betriebsmanagement im internationalen Luftverkehr. Für Studierende der HSRM ist das eine interessante Option sowohl für ein Auslandssemester als auch für ein Masterstudium im Ausland.
Beim anschließenden Rundgang ging es in die Drohnenhalle „Drone Flight Arena Toulouse Occitanie“. Dort werden Mikrodrohnen und eingebettete Systeme in einem 10 × 10 × 10 Meter großen Flugraum erprobt. Ein optisches Messsystem mit 16 Kameras erfasst die Flugbahnen 200-mal pro Sekunde.
Für die ELT-Studierenden, die bereits im ersten Semester lernen, Drohnen zu steuern, und im Laufe ihres Studiums eigene Multicopter bauen, war das ein spannender Vergleich.
Ebenso beeindruckend waren die Tower-Simulatoren. In zwei Rundräumen lässt sich die Außensicht auf 120°, 240° oder volle 360° einstellen, sodass angehende Fluglotsinnen und Fluglotsen den Flugplatzverkehr wie aus einem echten Tower heraus lenken.
Für die Streckenflugkontrolle, im Fachjargon „Center“, gibt es eigene Radarsimulatoren. Hier übernehmen Studierende als sogenannte Pseudopiloten die Rolle der Flugzeugbesatzungen, während ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen den Verkehr per Funk durch den Luftraum lotsen. Jeweils zwei Studierende werden dabei von einer erfahrenen Ausbilderin oder einem Ausbilder betreut.
Zu Gast bei Airbus
Höhepunkt der Reise waren die Besuche bei Airbus. Beim ersten Termin nahm sich Thomas Wilhelm, Testpilot und „Head of Flight Test Operations Toulouse" viel Zeit für die Studierenden und stellte seinen Beruf und die Entwicklungsarbeit bei Airbus vor. Auf dem Gelände konnten die Studierenden den neuen A350F bestaunen, die Frachtversion des A350, die nur gut eine Woche zuvor zu ihrem Erstflug gestartet war. Am Nachmittag berichtete eine Projektleiterin aus erster Hand über das Projekt und beantwortete die vielen Fragen der Gruppe. Beim gemeinsamen Abendessen ging der Austausch in lockerer Runde weiter.
Am letzten Tag wurde die Gruppe direkt im Quartier in Toulouse abgeholt und startete den Tag mit einem französischen Frühstück auf dem Gelände von Airbus. Es folgte ein sehr interessanter Vortrag über die Historie von Airbus, die Unternehmenskultur und aktuelle Projekte. Eine Vertreterin der Personalabteilung erläuterte die unterschiedlichen Karriereperspektiven für die zukünftigen Absolventinnen und Absolventen.
Anschließend ging es in Bereiche, die der Öffentlichkeit sonst verschlossen bleiben: Cockpit-Simulatoren der Entwicklungsabteilung mit angeschlossenem „Iron Bird“ – einem Systemprüfstand, auf dem Flugsteuerung, Hydraulik und Elektrik eines Flugzeugs am Boden im Zusammenspiel getestet werden.
Insgesamt betreibt Airbus in Toulouse rund zehn solcher Entwicklungssimulatoren für alle seine Verkehrsflugzeuge, von Mustern in der Entwicklung bis zu längst nicht mehr gebauten Typen. Gebaut hat Airbus sie selbst. Ingenieurinnen und Ingenieure prüfen hier neue Systeme und Software-Updates und beobachten, wie Besatzungen auf Warnungen und Anzeigen reagieren. Für bestimmte Systeme erkennen die Luftfahrtbehörden EASA und FAA die Tests am Simulator sogar als Nachweis für die Zulassung an. Nur diese Simulatoren lassen sich mit den realen Systemen des Iron Bird koppeln.
Daten der Testflüge mit Video aus dem Cockpit wurden hier live ins Telemetrie-Zentrum übertragen. Der aktuell laufende Testflug des zuvor besichtigten A350F konnte von den Studierenden direkt beobachtet werden. Er befand sich gerade auf einem langen Flug und war aktuell über der Bretagne.
Weiter ging es in die Avionik. Hier entwickelt und fertigt Airbus einen Teil der sicherheitskritischen Bordelektronik selbst: Rechner für Flugsteuerung, Flugwarnsystem, Kommunikation und Wartung, die in allen Airbus-Mustern eingesetzt werden. Aktuell entsteht hier die nächste Generation der Flugsteuerungsrechner. Bei der A320-Familie werden die Airbus-eigenen Rechner künftig durch Geräte von Liebherr-Aerospace aus Lindenberg im Allgäu ergänzt: Unterschiedlich aufgebaute Hardware (Dissimilarität) erhöht die Sicherheit, die Flugsteuerungssoftware kommt weiterhin von Airbus. Für die ELT-Studierenden war das ein besonders direkter Bezug zu ihrem Studium, in dem Elektrotechnik und Luftfahrt zusammenkommen. Viele waren hier überrascht, wie unmittelbar sich die Inhalte aus den Vorlesungen in der industriellen Praxis wiederfinden.
Zum Abschluss ging es an die Endmontagelinie des A350. Alle Versionen des A350, also A350-900, A350-1000 und der neue Frachter A350F, werden ausschließlich hier in Toulouse endmontiert. Die großen Baugruppen kommen aus ganz Europa: die Flügel aus dem walisischen Broughton, die Rumpfsektionen aus Hamburg und Saint-Nazaire, das Höhenleitwerk aus Getafe bei Madrid. Station für Station wächst daraus ein Flugzeug: Zuerst werden die Rumpfsektionen verbunden, dann Flügel und Leitwerk angebaut, das Fahrwerk montiert und das Flugzeug zum ersten Mal unter Strom gesetzt. Danach findet der roll-out auf eigenen „Beinen“ statt. Anstelle der Triebwerke werden zunächst Stahlplatten als Gewichte montiert. Grund hierfür ist der hohe Anschaffungspreis der Triebwerke, der bis zu 30% des Kaufpreises beträgt. Um hier die Kapitalbindung zu reduzieren, werden die Triebwerke erst kurz vor dem ersten Flug eingebaut. Bis 2028 will Airbus die Produktion auf zwölf A350 pro Monat hochfahren.
Kontakte mit Perspektive
„Besonders die Besuche bei Airbus, ENAC und Aeroscopia haben mir wertvolle Einblicke gegeben und mich in meinem Wunsch bestärkt, später in der Luftfahrt zu arbeiten“, sagt Rabia Ben Tebra, Student der Elektro- und Luftfahrttechnik im 4. Semester. Mehrere Teilnehmende nutzten die Gespräche zudem, um erste Kontakte für Praktika zu knüpfen. „Die Fahrt hat mir ermöglicht, einen sehr praxisnahen Einblick in einen Bereich zu bekommen, mit dem ich im Studium nur wenig Berührungspunkte hatte. Ich möchte mich daher im kommenden Jahr auf ein Praktikum bei Airbus bewerben“, sagt Janis Wolter aus dem Maschinenbau (5. Semester).
Auf den Spuren von Saint-Exupéry
Es blieb auch Zeit, Toulouse zu entdecken. Toulouse ist nicht nur Hauptstadt der europäischen Luftfahrt, sondern auch eine der beliebtesten Studentenstädte Frankreichs: Im Ranking der Zeitschrift L’Étudiant belegte sie 2026 zum zweiten Mal in Folge Platz eins. Die Altstadt aus rosafarbenem Backstein, der die „Ville Rose“ ihren Beinamen verdankt, lässt sich bequem zu Fuß erkunden, und abends trifft man sich am Place Saint-Pierre oder am Ufer der Garonne. Mit ihren beeindruckenden Kirchen, Straßencafés, Märkten und milden Abenden bis weit in den Herbst verströmt die Stadt das typische südfranzösisches Flair.
Auch dabei war die Luftfahrtgeschichte nie weit: Am Place du Capitole, wo das Rathaus steht, liegt das Hôtel du Grand Balcon. Ab 1925 stiegen hier die Piloten der Aéropostale ab, die die Luftpost von Toulouse bis nach Westafrika und Südamerika flogen, unter ihnen Antoine de Saint-Exupéry, der spätere Autor des kleinen Prinzen (Le petit prince) bzw. Nachtflug (Vol de nuit). Nach dem Vorbild einer historischen Aufnahme steht Saint-Exupéry heute als Statue wieder auf dem Balkon des Hotels. Sein Zimmer Nr. 32 wurde nach Archivfotos originalgetreu wiederhergestellt und ist denkmalgeschützt.
Untergebracht waren die Studierenden gemeinsam in einem großen Apartment mitten in Toulouse am Place Saint-Pierre. Wie in einer großen WG wurde abends zusammen gekocht und bei Spieleabenden viel gelacht, die Stimmung war die ganze Woche ausgezeichnet. Für Manuel Scherf (Internationales Wirtschaftsingenieurwesen, 3. Semester) hat gerade die gemeinsame Unterkunft dazu beigetragen, sich als Gruppe besser kennenzulernen: „Diese Erfahrung wird uns auch im weiteren Verlauf unseres Studiums zugutekommen.“
Finanzielle Unterstützung erhielt das Team nicht nur von der Hochschule, sondern auch von einem großzügigen privaten Förderer. Beiden gilt der herzliche Dank des Teams und des Organisators. Ein ebenso herzlicher Dank geht an Airbus und die ENAC für die außergewöhnlichen Einblicke und die große Gastfreundschaft.
Das Exkursionsteam wird in Kürze zu einem Termin für alle Studierenden und Beschäftigten der Hochschule einladen, um aus erster Hand über die Exkursion, ihre Ergebnisse und Erkenntnisse zu berichten und für Rückfragen bereitzustehen.