21. POETIKDOZENTUR: JUNGE AUTOREN – SAŠA STANIŠIĆ

Der Schrifteller Saša Stanišić ist der neue Poetikdozent der Hochschule RheinMain und der Landeshauptstadt Wiesbaden.

Am 13. Februar 2020 wird er sich im Rahmen der Veranstaltung „Ein Autor stellt sich vor“ zunächst an der Hochschule RheinMain präsentieren. Danach hält Saša Stanišić im Wintersemester 2019/2020 noch zwei Vorlesungen in der Hochschul- und Landesbibliothek RheinMain (19.02./29.04.2020) sowie zwei Lesungen in der Villa Clementine, dem Literaturhaus der Stadt Wiesbaden (02.04./13.05.2020). In den folgenden Texten stellt sich der Autor nun selber vor:

Biografie (Text von Saša Stanišić)

Stanišić ist 1978 in Višegrad (Jugoslawien) geboren und lebt seit 1992 in Deutschland (Kurpfalz, Sachsen, Prenzlauer Berg, etc.). Er ist Vater eines Vierjährigen und Schriftsteller, wobei der Vierjährige es lieber hätte, wenn sein Vater Kranführer wäre, aber gut. Als Kranführer ist Stanišić noch nicht viel gelungen, als Schriftsteller hat er immerhin schon vier Bücher veröffentlichen dürfen – zwei Romane (Wie der Soldat das Grammofon repariert, 2006, und Vor dem Fest, 2014), einen Band mit hanebüchenen Erzählungen (Fallensteller, 2016), sowie 2019 etwas, von dem kein Mensch so recht weiß, was es ist, unter dem Titel HERKUNFT.

Preise hat Stanišić auch erhalten, aber mal ehrlich, welcher Schriftsteller in Deutschland hat das nicht? Zuletzt waren es bei ihm der Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen, der Rheingauer Literatur Preis (111 Flaschen Riesling!) sowie der Preis der Leipziger Buchmesse 2014. Ganz aktuell wurde ihm der Deutsche Buchpreis verliehen.

Stanišić lebt und "arbeitet" in Hamburg.

Saša Stanišić über sich selbst

Ich wurde am 7. März 1978 in Višegrad an der Drina geboren. In den Tagen vor meiner Geburt hatte es ununterbrochen geregnet. Der März in Višegrad ist der verhassteste Monat, weinerlich und gefährlich. Im Gebirge schmilzt der Schnee, die Flüsse wachsen den Ufern über den Kopf. Auch meine Drina ist nervös. Die halbe Stadt steht unter Wasser.
Im März 1978 war es nicht anders. Als bei Mutter die Wehen anfingen, brüllte ein heftiger Sturm über der Stadt. Der Wind bog die Fenster vom Kreißsaal und brachte Gefühle durcheinander, und mitten in einer Wehe schlug auch noch der Blitz ein, dass alle dachten, aha, soso, jetzt also kommt der Teufel in die Welt. So unrecht war mir das nicht, ist doch ganz gut, wenn Leute ein bisschen Angst haben vor dir, bevor es überhaupt losgeht.

Ich hatte als Kind zwei Hamster und zwei Wellensittiche und meine Tante Lula hat sich zwei Mal am gleichen Tag aus Versehen auf einen der Hamster gesetzt, und der Hamster hat es überlebt, und meine Tante Lula auch, und sie hat beim zweiten Mal den Hamster hochgenommen und ihn vor lauter Freude, dass er noch lebt, geküsst, und gesagt, siehst du, mein lieber Indiana Jones, ich setz mich auf dich zwei Mal und du machst nicht mal ein Geräusch, so setzen sich die Politiker auf uns das Volk, und auch wir leben weiter und halten unseren Mund.

Diese Narbe - habe ich mir geholt, als ich über einen Zaun klettern wollte, der zu hoch war für mich; ich wollte meine Mutter sehen, die auf der anderen Seite etwas zu tun hatte, und der Zaun war nass, so dass ich abrutschte, und der Zaun hatte Spitzen, scharfe Teile, und man sagt, noch ein Zentimeter höher, und ich hätte meine Stimme für immer verloren.

Als ich etwa acht war hatte ich ständig Halsschmerzen, Mandelentzündung, und meine Tante Lula sagte eines Morgens, das reicht ihr jetzt, sie nahm mich an die Hand und brachte mich zu einem Hochhaus am Rande der Stadt, wir betraten die Wohnung von einer stinkenden, alten Frau, die vielleicht ein Mann war, ich weiß es nicht, jedenfalls trug sie Lappen, statt Kleidung, ihr Haar und ihre Sätze waren wirr und die Wohnung roch nach Katzen, Zahnpasta und Wurst. Ich musste zwei Stunden warten, bis ich an der Reihe war und dann musste ich mich auf einen Stuhl setzen, und der Stuhl war eingeölt von oben nach unten, so dass ich mich kaum darauf halten konnte, und die Hexe oder der Hexer sagte ein paar Worte auf Latein oder Ungarisch und dabei zog sie mir auf einmal so fest an den Haaren, dass es irgendwo in meinem Kopf so richtig hart knallte. Ich weinte und schrie wie meine Mutter damals bei meiner Geburt, aber - niemals wieder hatte ich danach Halsschmerzen, höchstens einen Schnupfen, und meine ölige Kleidung war nicht mehr zu retten.

Meine Nena Mejrema, die Mutter meiner Mutter, las mir während meiner Kindheit aus Nierenbohnen die Zukunft. Sie warf die Bohnen, und die Bohnen warfen Bilder meines noch ungelebten Lebens auf den Teppich. Einmal prophezeite sie mir, eine ältere Frau werde sich in mich verlieben, oder ich würde alle Zähne verlieren, die Nierenbohnen zeigten da eine gewisse Unschärfe. Ein anderes Mal riet sie, dass ich mich an Worte halten solle, ein Leben lang, dann werde zwar trotzdem nicht alles gutgehen, aber einiges lasse sich besser ertragen. Oder an Edelmetalle. Da hätten sich die Bohnen noch nicht festgelegt.

Termine

Ein Autor stellt sich vor
Saša Stanišić im Gespräch mit Prof. Dr. Michael May
Donnerstag, 13. Februar 2020, 12:15 Uhr

Hochschule RheinMain, Wiesbaden
Campus Kurt-Schumacher-Ring 18, A-Gebäude
Clemens-Klockner-Saal, Raum 420, 3. Stock

Vorlesungen
Mittwoch, 19. Februar 2020, 19:30 Uhr
Mittwoch, 29. April 2020, 19:30 Uhr

Hochschul- und Landesbibliothek
Rheinstraße 55-57

Lesungen
Donnerstag, 02. April 2020, 19:30 Uhr
Mittwoch, 13. Mai 2020, 19:30 Uhr

Literaturhaus der Stadt Wiesbaden
Villa Clementine, Frankfurter Str. 1