QUEER PROFESSIONALS – PROFESSIONALITÄT

Auf einen Blick

Forschungsprojekt

Queer Professionals – Professionalität zwischen „queerer Expert*in“ und „Andere*r“ in der Sozialen Arbeit (QueerProf)

Fachbereich

Sozialwesen

Leitung

Prof. Dr. phil. Davina Höblich

Beteiligte

Steffen Baer M.A.

Ansprechpartner Forschungsförderung

Dr. Michael Bruch

Fördermittelgeber

Hessischer Aktionsplan für Akzeptanz und Vielfalt (APAV) des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration

Laufzeit

01.06.2020 - 31.12.2021

Projektbeschreibung

Die Entwicklung einer Geschlechteridentität und ein Bewusstwerden der eigenen sexuellen Orientierung gehören zu den wesentlichen Aufgaben in der jugendlichen Identitätsentwicklung. Hiermit verbunden ist die Suche nach Partnerschafts- und Lebensformen. Entsprechend fasste die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter BAGLJÄ 2003 den Beschluss, dass die „sexuelle Orientierung ein relevantes Thema der Jugendhilfe [ist]“. Dies erfolgte mit der Absicht, bei der Fortentwicklung der Leistungen für Kinder und Jugendliche das Thema sexuelle Orientierung angemessen zu berücksichtigen (BAGLÄ Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter 2003). Von Schule als auch der Kinder- und Jugendhilfe wird somit eine vorurteilsfreie und angemessene Berücksichtigung der Situation von LSBT*IQ-Jugendlichen gefordert.

Jungen Menschen, die sich nicht mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren oder nicht-heterosexuell Begehren müssen sich einer Zeit, die von der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und gleichzeitiger hohe emotionaler und finanzieller Abhängigkeit von Personen und Institutionen geprägt ist, zusätzlich und nach wie vor mit der Bewältigung von Diskriminierungen als sexuelle und geschlechtliche Minderheiten auseinandersetzen. Die wenigen vorliegenden Studien zur Lebenssituation von LSBT*IQ-Jugendlichen zeigen, dass Coming-Out-Prozesse früh in der Adoleszenz einsetzen und als häufig zusätzliche Belastung von jungen Menschen erfahren werden, sich in einer heteronormativen Gesellschaft nach wie vor Diskriminierungen ausgesetzt sehen. Dieser sogenannte Minderheiten-Stress kann die Auseinandersetzung mit alterstypischen Anforderungen und Themen in der Adoleszenz verdrängen und negative Auswirkungen auf die Teilhabe an Bildung, Gesundheit und sozialer Integration haben.

Aufgrund der Abhängigkeiten und der zusätzlichen Herausforderungen gelten LSBT*IQ-Jugendliche daher als vulnerable Gruppen, die auf Unterstützungsangebote auch seitens der Kinder- und Jugendhilfe angewiesen sind. Dabei ist es wichtig, dass lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Jugendliche auf reflektierte und kompetente Fachkräfte treffen, die sie in der Auseinandersetzung sowohl mit LSBT*IQ-spezifischen Themen, als auch in Fragen altersspezifischer allgemeiner Themen (Beziehung zu den Eltern, Schule, Freundschaften Berufswahl etc.) unterstützen und ihnen zur Seite stehen.

Geoutete LSBT*IQ Fachkräfte könnten als lebensweltlich kompetente Ansprechpersonen sinnvolle Unterstützung leisten und als positive Rollenmodelle fungieren. Befunde aus dem Projekt „Sexuelle Orientierung in der Kinder- und Jugendhilfe“ (SeKiJu) zeigen jedoch: Queere Fachkräfte bleiben gegenüber den Adressat*innen meist unsichtbar und sind allenfalls im Team gegenüber den Kolleg*innen oder dem Träger geoutet. Eine aktuelle Studie (Baer Fischer 2021) belegt zudem einen Zusammenhang zwischen der Arbeitsplatzzufriedenheit lesbischer, schwuler und bisexueller Fachkräfte und dem Umgang mit (internalisierter) Homonegativität. Ein Zusammenhang zwischen Verhaltensweisen wie Vermeidung des Themas und Straight-Acting (also dem Vorgeben eines heterosexuellen Lebensstils) und Depressivitätsbewusstsein und geringere Arbeitsplatzzufriedenheit konnte in diesem Kontext signifikant bestätigt werden.

Das Projekt leistet einen Beitrag leisten zur Erforschung Chancen und Grenzen eines reflexiven Umgangs mit der eigenen queeren Identität und ggf. lebensweltlicher Expertise im professionellen Handeln und der Berufsbiographie. Andererseits gilt es queere Fachkräfte selbst als Angehörige sexueller Minderheiten und damit potentiell in höherem Maße von heteronormativen Diskriminierungen ausgesetzte Arbeitnehmer*innen in den Blick zu nehmen, die am Arbeitsplatz Situationen erleben, in den sie ihre sexuelle Identität verschweigen müssen oder sogar Angst um ihren beruflichen Status haben. Das Projekt zielt auf die genauere Erforschung der Situation queerer Fachkräfte in der Sozialen Arbeit und verfolgt hierbei eine zweifache Perspektive und Zielsetzung:

  1. Professionstheoretische Rekonstruktion des Beitrags von LSBT*IQ Fachkräften zu einer diskriminierungssensiblen und bedarfsgerechten Regelstruktur und deren Angebote für die Nutzer*innen (professionstheoretische Perspektiven auf Queer Professionals als lebensweltliche Expert*innen zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt).
  2. Rekonstruktion der Diskriminierungen und Bewältigungsleistungen von LSBT*IQ Fachkräften in Feldern der Sozialen Arbeit ((Anti-) Diskriminierung von queeren Fachkräften der Sozialen Arbeit am Arbeitsplatz)

Der Transfer der Erkenntnisse zu Antidiskriminierung am Arbeitsplatz und professionstheoretische Perspektiven auf Queer Professionals als lebensweltliche Expert*innen sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der Kinder- und Jugendhilfe in die Praxis erfolgt auf mehreren Ebenen:

  • Ausbildung Fachkräfte: Die Erkenntnisse des Projektes fließen unmittelbar in die Ausbildung der Fachkräfte Sozialer Arbeit in den Bachelor- und Master-Studiengängen der Hochschule RheinMain ein.
  • Fort- und Weiterbildung: Es werden Empfehlungen zu Bedarfen und Inhalten der Fort- und Weiterbildung erarbeitet
  • Policy: Es werden Handlungsempfehlungen für sozialpolitische Maßnahmen der wohlfahrtsstaatlichen politischen Akteur*innen sowie Träger der Sozialen Arbeit (Landesjugendamt, Landesgesundheitsämter, Pflegekassen etc.) gegeben.

Bilder/Grafiken zum Projekt