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Mobilität im Wandel: „Nur Bus und Bahn war gestern?“

Till Ackermann, Prof. Dr. A. Bruns, Katharina Müller v.l.n.r. © Max Birk

Till Ackermann, Prof. Dr. A. Bruns, Katharina Müller v.l.n.r. © Max Birk

Welche Rolle spielen öffentliche Verkehrsunternehmen in der zur Zeit stattfindenden Mobilitätswende und mit welchem Wandel sehen sie sich auch selbst konfrontiert? Das war das Thema der Veranstaltung „Nur Bus und Bahn war gestern?“ am 20. November 2019 aus der Reihe „Mobilität im Wandel“ des Teilvorhabens AUSTAUSCH VERWALTUNG. Moderiert von Prof. Dr.-Ing. André Bruns stellten Till Ackermann vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen sowie Katharina Müller von ESWE Verkehr vor, wie Verkehrsunternehmen in Deutschland im Wandel zum Mobilitätsdienstleister eine Antwort auf diese Fragen zu finden suchen.

 

Till Ackermann: „Bewährte Kompetenz versus Plattformökonomie – zur künftigen Rolle der Verkehrsunternehmen im Mobilitätsmarkt“

Herr Ackermann vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) eröffnete seinen Vortrag mit der Feststellung, dass die von Greta Thunberg angestoßene „Fridays for Future“-Bewegung der Debatte um den Klimaschutz neuen Impuls gegeben hat. Im Zuge dessen sei auch der öffentliche Verkehr wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. „Der gestärkte ÖPNV ist das Rückgrat einer klimaneutralen Mobilität“, konstatierte Ackermann mit Blick auf das politische Ziel, den Verkehrssektor bis 2050 klimaneutral zu gestalten.

Auch der VDV habe sich diesem Ziel verpflichtet und das Verkehrswende-Szenario „Deutschland mobil 2030“ beschlossen. Dieses beinhalte von technischer Seite her eine Transformation zu einem vollständig elektrifizierten Verkehr, sei es nun batterie-, hybrid- oder wasserstoffbetrieben. Des Weiteren müssten sich die öffentlichen Verkehrsanbieter zu Mobilitätsdienstleistern weiterentwickeln, deren Tätigkeitsfeld nicht mehr dem eines anonymen Massendienstleisters entspräche. Vielmehr müsse an dessen Stelle ein individuelles Serviceangebot treten. Hier spiele die Digitalisierung eine große Rolle. Da inzwischen über 80% der ÖPNV-Kunden ein Smartphone besäßen und von diesen wiederum über 70% eine ÖPNV-App nutzen würden, würde sich hier ein neuer Zugang zu den Kunden öffnen.

Durch die Verknüpfung unterschiedlicher Datenquellen, wie beispielsweise Verbindungsanfragen, Positions- und Sensordaten, könnten Kunden individuelle Angebote von Gewerbetreibenden am Zielort gemacht werden, wie das Beispiel mylola aus Osnabrück zeige. Ebenso möglich sei es, mittels des Smartphones die Nutzung mehrerer Verkehrsmittel, wie Busse, Bahnen und Leihfahrräder, in einem Schritt zu buchen. Das Smartphone ist wiederum in der Lage Echtzeitinformationen über Störungen oder auch alternative Routen zu liefern, was bereits von den Berliner Verkehrsbetrieben angeboten wird.

Um solche Angebote auch über die Grenzen der Verkehrsverbünde und Verkehrsmittel hinweg machen zu können, arbeitet der VDV an der App Mobility inside. Sie soll für den Kunden einen durchgängigen, anbieterübergreifenden und individuellen Service bieten und so den Umstieg vom Auto auf den öffentlichen Nahverkehr attraktiver machen. Der Start soll für 2021 geplant sein.

 

Katharina Müller: „Mobilität für Wiesbaden weiter denken - ESWE Verkehr im Wandel“

ESWE betreibt, die Vorläuferunternehmen eingeschlossen, seit 1875 den öffentlichen Nahverkehr in Wiesbaden. Bildeten früher Pferdebahnen sowie die Nerobergbahn das Rückgrat des Verkehrsangebots, so hätten diese Rolle inzwischen die Busse übernommen. Mit dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung im Jahr 2016 hätte jedoch ein Paradigmenwechsel stattgefunden, wonach die ESWE Mobilitätsdienstleister werden solle. Neben ökologische Gründen, wie Luftreinhaltung und Klimaschutz, wären auch eine stärkere Fokussierung auf den Kunden sowie der technische Fortschritt die Motivation für diesen Wandel.

Dies umfasse einerseits die Erweiterung der Verkehrsträger mit der CityBahn und dem Leihradsystem meinRad, welches bereits 2018 startete und 2019 mit dem Mainzer Verleihsystem vereinheitlicht wurde. So könnten Wiesbadener und Mainzer Kunden in der jeweils anderen Stadt dasselbe Verleihsystem nutzen. Des Weiteren umfasse der Wandel zum Mobilitätsdienstleister auch die zur Elektrifizierung des Verkehrsangebots. So sollen beispielsweise bis Ende 2020 56 Elektrobusse im Regelverkehr im Einsatz sein. Nicht zuletzt bedeute dies aber nicht nur technische Veränderungen, sondern auch der Erweiterung der Vertriebsmodelle, der Kundenangebote und Geschäftsaktivitäten, wie der Einführung des 365-Euro-Tickets, den Aufbau von Mobilitätsstationen oder auch der Einführung eines Parkraummanagements.