Die kleine Josephina wurde gegen Ende des fünften Studiensemesters ihrer Mutter geboren. Als Anke Vieler schwanger wurde, lebte sie mit ihrem Mann gerade im Ausland. „Mein Mann nahm kurzfristig eine Arbeitsstelle in Wiesbaden an“, erzählt die Studentin der Sozialen Arbeit. „Ich hatte bis dato zwei Jahre Studienpause hinter mir, da ich mein Studium mangels Anerkennung der Module im Ausland leider nicht fortsetzen konnte. Ich musste nun dringend mit meinem Bachelor weitermachen, ansonsten wären alle bisher erbrachten Leistungen verfallen. So war ich plötzlich mit der Situation ‚Studieren mit Kind’ konfrontiert.“ Als Anke Vieler ihr Studium wieder aufnahm, war sie bereits im siebten Monat schwanger. Zuerst wollte sie noch vor der Geburt möglichst viele Module hinter sich bringen, merkte aber schnell, dass der Stress ihr und ihrem ungeborenen Kind nicht gut tat. „Ich hätte beinahe eine Frühgeburt erlebt“, berichtet die 27-Jährige. „Deswegen entschied ich mich, es etwas langsamer angehen zu lassen.“ Sehr entgegen kam ihr dabei das zufällige gute Timing der Geburt. Direkt nach Josys Ankunft begannen die Semesterferien. So hatte Anke Vieler genügend Zeit, sich in der neuen Situation zurechtzufinden und über ihren weiteren Studienweg in Ruhe nachzudenken. „Ich entschied mich für die neue Regelung des Urlaubssemesters. Damit haben Mütter die Chance, Vorlesungen zu besuchen und Prüfungsleistungen anerkennen zu lassen. Ich studiere sozusagen unter Vorbehalt weiter. Ich wollte es einfach auf mich zukommen lassen.“
Anke Vielers Erkenntnis aus dieser Zeit: „Ich glaube, wer mit Kind studieren möchte, muss ehrlich mit sich selbst sein. Es stellen sich immer wieder die Fragen: Wo liegen meine Prioritäten? Habe ich einen übersteigerten Ehrgeiz, was das Studium angeht, oder will ich an erster Stelle das Beste für mein Kind? Und wie wird mein Kind die neue Situation annehmen?“ Die erste Block- und Lehrveranstaltungswoche nutzte Anke Vieler als Testphase. Während dieser Zeit stellte sie fest, dass sich ihre Tochter trotz aktiven Charakters als unglaublich pflegeleicht erwies, und so konnte die Mutter ihr Studium nach den Semesterferien direkt fortsetzen. Das Baby nahm sie einfach mit – Josephina war zwölf Wochen alt, als sie das erste Mal eine Vorlesung miterlebte. „Nach den ersten zwei Wochen konnte ich recht gut einschätzen, wie viele Vorlesungen Josy am Stück schafft“, berichtet die Mutter erleichtert. „Für die Blockveranstaltungen ist es meinem Mann bisher zum Glück immer gelungen, sich frei zu nehmen, was ja keine Selbstverständlichkeit ist.“
Ganz ohne Probleme lässt sich das Studium mit Kind aber dann doch nicht organisieren. „Das Zeitmanagement ist eine große Herausforderung“, weiß Anke Vieler aus eigener Erfahrung. „Meine Kleine ist sehr aufgeweckt, beansprucht viel Zeit und kommt nachts noch immer im Durchschnitt alle drei Stunden. Wenn man Studium, Haushalt und Kind vereinbaren und seinem Kind dabei auch weiterhin die nötige Zuwendung geben möchte, muss man meinen Erfahrungen nach viel zurückstecken und etwas von seinen eigenen Wünschen entbehren können. Aber es lohnt sich!“ Anderen studierenden Eltern gibt die 27-Jährige mit auf den Weg, sowohl auf das Kind als auch auf die eigene Gesundheit zu achten. Besonders dankbar ist sie in diesem Zusammenhang für die Hilfe ihres Mannes, von Familie und Freunden. „Man sollte sich nicht scheuen, diese Hilfe anzunehmen“, rät die Studentin. Mittlerweile ist Josephina über fünf Monate alt und noch immer kommt sie mit an die Hochschule. „Ich bin so dankbar für das Verständnis der Professoren und meiner Kommilitonen“, weiß Anke Vieler zu schätzen. „Josy verhält sich zwar immer noch in den meisten Vorlesungen sehr ruhig, aber sie wird nun immer aktiver. Daher hoffe ich, alle Module bis Ende dieses Semesters abschließen zu können, damit ich nur noch die Bachelor-Thesis ab Herbst zu schreiben zu habe.“
Hilfe nahm sie auch von Seiten der Hochschule RheinMain an, indem sie die Schwangerschaftsberatung nutzte. Ein Angebot, das Anke Vieler sehr hilfreich fand: „Über die Schwangerschaftsberatung an der Hochschule bin ich zu meiner Hebamme gekommen.“ Aber die Hochschule könne noch viel mehr tun, wünscht sich die junge Mutter. „Wir benötigen unbedingt einen oder mehrere Stillräume auf dem Campus! Ich habe mich mit meiner Tochter zum Stillen bisher oft in die Toilette oder in einen leeren Raum zurückziehen müssen, da sie sich meist nur in einer ruhigen Umgebung stillen lässt. Aber auf einem Stuhl neben der Klobrille oder in einem nicht abgeschlossenen Raum, den jederzeit jemand betreten könnte, stillt es sich nicht besonders gut. Von daher plädiere ich dringend für einen hygienischen, abschließbaren Raum.“