Manuela Gutmann studiert International Business Administration in Wiesbaden. Wer einen internationalen Studiengang absolviert, muss sowohl ein Semester als auch ein Praktikum im Ausland verbringen. Manuela entschied sich für ein Erasmussemester im italienischen Triest. Im Anschluss absolvierte sie ein Praktikum in Brüssel. Im Interview für unsere Serie „Ab ins Ausland“ berichtet die 26-Jährige von ihren Erfahrungen in Italien. „Den Stiefel“ kannte Manuela aus zahlreichen Urlauben in der Kindheit, und da sie Land und Leute, Mentalität, Kultur, Landschaft und italienisches Essen liebt, stand für die Studentin früh fest, dass sie das Land auch mal außerhalb vom Urlaub kennenlernen möchte. Aus diesem Grund belegte Manuela gleich zu Beginn ihres Studiums italienische Sprachkurse an der Hochschule RheinMain. Das sie ausgerechnet in Triest landete war dem großen Interesse ihrer Kommilitonen an Italien geschuldet: „Mein Fachbereich, die Wiesbaden Business School, hat mehrere Partneruniversitäten in Italien. Florenz, Genua und Triest kamen für mich persönlich in die engere Auswahl. In Genua gibt es aber nur zwei Plätze pro Jahr, und für die gab es bereits Interessenten. Florenz hätte ich mir aufgrund der Lebenshaltungskosten nicht leisten können, und so entschied ich mich für Triest.“
Rund drei Monate vor ihrer Abreise begann Manuela, im Internet Ausschau nach Wohnungen zu halten. Aber genauso, wie sie nicht einfach blind ein Zimmer mieten wollte, wollten natürlich auch viele Italiener die mögliche zukünftige Mitbewohnerin aus Deutschland kennenlernen, bevor sie einen Mietvertrag unterschrieben. So kam es, dass Manuela bei ihrer Ankunft in Triest noch keine Unterkunft hatte. „Zwei Besichtigungstermine hatte ich für den Tag meiner Anreise organisiert. Das eine glich einer Abstellkammer, das andere sagte der Studentin sofort zu: „…eine WG in der Altstadt von Triest, Zimmer mit Blick aufs Meer – wunderschön! Und dann auch noch bezahlbar. Lustigerweise bezog gleichzeitig mit mir eine Kommilitonin aus Wiesbaden ein Zimmer in der gleichen Wohnung.“ Neben der Deutschen hatte Manuela aber auch noch eine italienische Mitbewohnerin, und ein solches Arrangement empfiehlt sie dringend weiter: „Wer mit Einheimischen wohnt, lernt nicht nur schneller die Sprache, sondern auch die fremde Stadt kennen.“
Bei der Kurswahl an der italienischen Universität wurden die beiden Wiesbadenerinnen von einer Professorin unterstützt, die in engem Kontakt mit der Hochschule RheinMain steht. „Das war gar nicht so einfach“, berichtet Manuela. „Die Kurswahl, die wir in Deutschland vorab getroffen hatten, war so plötzlich nicht mehr möglich, weil einige Kurse in diesem Semester nicht angeboten wurden oder nicht an der Wirtschaftsfakultät stattfanden. Die Vorgaben von der Wiesbaden Business School, welche Kurse dann später in Deutschland anerkannt werden und welche nicht, sind sehr eng. Das Learning Agreement zusammenzustellen war eine Herausforderung, zumal auch alle Kurse auf Italienisch absolviert werden müssen.“
Im laufenden Studienbetrieb machten die Studentinnen aus Wiesbaden dann Bekanntschaft mit den Unterschieden zwischen einer Fachhochschule und einer Universität. „Das Studium in Triest war deutlich weniger verschult als das an der Wiesbaden Business School“, resümiert Manuela. „Die Kurse sind dann deutlich voller als hier.“ Positiv beeindruckt hat die 26-Jährige die Organisation der Prüfungen in Italien: Bereits wenige Tage nach dem Schreiben einer Klausur werden die Noten veröffentlicht, und wer nicht bestanden hat, bekommt noch in der gleichen Prüfungsphase die Gelegenheit, eine Nachklausur zu schreiben.
Als Manuela feststellte, dass sie an der Uni hauptsächlich andere Erasmus-Studierende kennenlernt, meldete sie sich bei einer Tanzschule an, um auch mit Italienern in Kontakt zu kommen. Hier wurde sie sehr herzlich aufgenommen. Aufgrund der Nähe zu Österreich, Slowenien und Kroatien sind Ausländer in Triest nichts Ungewöhnliches, und Manuela hatte von Anfang an das Gefühl, als Bereicherung gesehen zu werden. Und auch für sie war der Umgang mit ‚echten Italienern’ sehr wertvoll – vor allem, als die 26-Jährige einmal krank wurde. „Auch in Italien ist es so, dass man am besten schon vier Wochen vorher weiß, dass man krank werden wird – Arzttermine sind schwer zu kriegen. Aber das System ‚wenn Du einen kennst, der jemanden kennt, der jemanden kennt’ funktioniert in Italien noch sehr gut. Eine meiner Bekannten hatte eine aus Triest stammende Oma, deren Freundin eine Freundin hatte, deren Sohn Arzt ist. So habe ich schon am nächsten Tag einen Termin ergattern können.“
Abgesehen vom Spinnennetz der Beziehungen ist Italien, so Manuelas Fazit nach einem Semester, aber noch bürokratischer als das dafür verschriene Deutschland. „Ganz am Anfang unseres Aufenthaltes brauchten wir einen codice fiscale, also eine Steuernummer. Dafür mussten wir uns vom Erasmusbüro bestätigen lassen, dass wir an der Universität eingeschrieben sind. Diese Bestätigung erhält man jedoch nicht, bevor die Heimathochschule und die Gastuni das Learning Agreement unterschrieben haben. Mit der Immatrikulationsbescheinigung geht es dann weiter zum ufficio anagrafe, dem Einwohnermeldeamt. Dort zieht man – wie überall in Italien – eine Nummer und wartet bis man dran ist. Als wir dann endlich vor dem zuständigen Mitarbeiter saßen, teilte er uns mit, dass er eben doch nicht zuständig sei. Wir wurden zur agenzia delle entrate, also zum Finanzamt geschickt. Dort zogen wir – natürlich – eine Nummer und warteten. Wer Pech hat, muss dann erstmal die ausgedehnte Mittagspause der Mitarbeiter abwarten. Aber letztlich haben wir die Steuernummer doch noch bekommen.“
Bestätigt hat sich für die Studentin aus Wiesbaden das Vorurteil, im Süden lasse man sich für alles ein bisschen mehr Zeit. Domani, also morgen, werde alles erledigt. „Domani kann aber auch schon mal drei Tage dauern, und wenn im Februar bei Minustemperaturen die Heizung ausfällt, geht einem domani ganz schön auf die Nerven“, erzählt Manuela. Miindestens ebenso oft wie domani hörte die 26-Jährige den Satz „Tranquila, non ti preoccupi“ – „Ganz ruhig, mach dir keine Sorgen“. Irgendwann griff diese Sorglosigkeit tatsächlich auf die Deutsche über, sie machte sich nicht mehr ganz so viele Gedanken, „und domani ist ja auch noch ein Tag“, lacht sie.
Wenn Manuela noch einmal ins Ausland gehen würde, würde sie alles genauso machen wie beim letzten Mal. An der Erfahrung ist sie gewachsen, da ist sie sicher, und die Zeit in Triest war wunderschön. Dass sie die Kultur und Sprache, die sie eh schon so liebte, näher kennenlernen durfte, betrachtet die Studentin als Geschenk. Und wenn sie vom italienischen Essen spricht, strahlen ihre Augen: „Essen ist in Italien etwas Heiliges, und man nimmt sich Zeit dafür. Coffee to go? Unvorstellbar! Mal eben zwischendurch schnell essen? Kommt gar nicht in Frage! Und dann schmeckt auch noch alles so gut. Sachertorteneis (Triest gehörte mal zu Österreich), unverschämt guter und günstiger Kaffee, Tortellini in unterschiedlichsten Geschmackrichtungen… Ich kann mit Fug und Recht behaupten: Ich habe während meiner Zeit in Italien nicht einmal schlecht gegessen.“
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