Lorenz Grzimek ist an der Hochschule RheinMain im Bachelorstudiengang Mediamanagement eingeschrieben. Von September 2010 bis Oktober 2011 absolvierte er ein Auslandsjahr in Frankreich. Zuerst studierte Lorenz an der École Supérieure d’Audiovisuel (ESAV) in Toulouse, dann machte der 23-Jährige ein Praktikum.
Herr Grzimek, warum haben Sie sich ausgerechnet für Frankreich entschieden, als es an die Planung eines Auslandsaufenthaltes ging?
Die Möglichkeit, am einjährigen Austauschprogramm zwischen der ESAV und der Hochschule RheinMain teilzunehmen, hat mich schon lange vor der konkreten Planung meines Auslandsaufenthaltes begeistert und beeinflusst. Unter anderem, weil es dieses Programm gibt, habe ich mich überhaupt an der HS-RM beworben und schließlich auch eingeschrieben. Das Austauschprogramm geht auf Bert Weiss vom Sprachenzentrum zurück und existiert dank seines großen Engagements nun schon vielen Jahren. Alljährlich gehen zwischen vier und acht Studierende aus Wiesbaden nach Toulouse. Das Besondere: bei dem Auslandsstudium handelt es sich um mehr als „nur“ ein Erasmus-Semester; wir haben die Möglichkeit, einen Doppelabschluss zu erlangen. 75 Wiesbadener haben so bereits ihre Licence und sechs ihren Master an der ESAV gemacht. Der Gedanke, an einer Filmhochschule zusätzliche Erfahrungen sammeln zu können, war für mich mehr als attraktiv. Dadurch konnte ich meine Kompetenzen als Medienwirt im Film nochmal fachlich ausbauen. Da ein Teil meiner Familie in Frankreich verteilt lebt und es mich auch mal reizte, tiefer in das Land einzutauchen, kam mir der Austausch sehr gelegen. Deutschland und Frankreich sind zwar Nachbarn, aber gerade beim Nachbarn läuft oft einiges anders.
Wie lief die Organisation im Vorfeld ab?
Ich habe erst sehr spät angefangen, mich um meinen Auslandsaufenthalt zu kümmern. Erzählungen von Studierenden anderer Hochschulen, die bereits ein Erasmus-Semester absolviert hatten, haben mich anfangs leicht verunsichert. Das klang alles so kompliziert und chaotisch. War es aber gar nicht: Zu Beginn meines Studiums in Deutschland hatte ich mich im Kurs für Medienfranzösisch bei Bert Weiss eingetragen. Dort eignete ich mir das nötige Niveau und die richtigen Vokabeln an, um mit den Franzosen mitreden zu können. So gesehen, hatte ich die Hände fasst im Schoß liegen. Auch die Anmeldung bei der Partnerhochschule übernahm Herr Weiss für mich, und er war es auch, der mir beim Zusammenstellen der Unterlagen half, die ich beim Büro für Internationales der Hochschule RheinMain abgeben musste. So wurde ich finanziell durch das Erasmus-Programm gefördert. Zusätzlich kam mir die Auslandsförderung der Studienstiftung des Deutschen Volkes zugute. Ehe ich mich versah war ich auch schon in Toulouse. Zwar hatte ich vor der Abreise überhaupt keinen Kontakt mit der Hochschule, wurde dort jedoch sofort mit offenen Armen empfangen, und Bescheid wusste auch schon jeder.
Das klingt ja wirklich einfach. Lief die Suche nach einer Unterkunft auch so problemlos ab?
Ja. Ebenfalls über Herrn Weiss kam der Kontakt zu den Studierenden zustande, die bereits ein Jahr vor mir in Toulouse waren. Sie erzählten mir, dass sie gut unter seien, und ich konnte mir direkt ihr Zimmer sichern. Zusammen mit einem weiteren Studenten aus Wiesbaden kam ich so in einem geräumigen Haus in Innenstadtnähe unter. Die Vermieterin war etwas kompliziert, und so habe ich später in den Sommermonaten in der Wohnung bei einer Kommilitonin von der ESAV gewohnt. Ich denke, eine WG mit Einheimischen ist die beste Lösung. So lernt man am besten die Sprache. Außerdem sind die Franzosen in Toulouse sehr neugierig gegenüber Besuch aus dem Ausland.
Erzählen Sie uns von Ihrem Start an der ESAV.
Aus Angst vor dem dortigen bürokratischen Aufwand und der Lust, mich in Toulouse schon etwas einzuleben, bin ich schon lange vor den eigentlichen Vorlesungen angereist. Die Auslandsbeauftragte Isabelle Labrouillère nahm mich in Empfang und zeigte sich sehr hilfsbereit. Djazaira Berkourk half mir mit den restlichen Unterlagen für die Immatrikulation. Am Schluss war ich vom ganzen Jahrgang der Erste, der seine Unterlagen beisammen hatte. Den Rest der Hochschule und der Professoren lernte ich dann Stück für Stück mit den Veranstaltungen kennen. Mein Stundenplan war vorgegeben, so dass ich mir nicht den Kopf darüber zerbrechen musste, welche Kurse ich belegen soll.
War das Leben an der Uni in Toulouse sehr anders als in Deutschland?
Den Unterricht an der ESAV kann man keineswegs mit den Veranstaltungen meines Studiengangs hier in Wiesbaden vergleichen, da es sich in Toulouse um eine Filmhochschule im klassischen Sinne handelt. Es gibt Theorieeinheiten, die aber auch oft einem offenen Dialog ähneln. Hier zählen nicht Klausuren, sondern die Resultate der Projekte: Der Film, der am Ende dabei rauskommt. Meine klassische Vorstellung vom Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden wurde dabei auf den Kopf gestellt. Man genießt einen unmittelbaren und offenen Kontakt. Es gab nur sehr wenige ausländische Studierende in meinem Jahrgang, wir wurden jedoch vollends integriert und fühlten uns am Schluss auch ganz Teil der Klasse. So waren wir hauptsächlich mit Einheimischen unterwegs, und das Interesse, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturen aufzudecken, war von beiden Seiten groß. Mich hat am meisten überrascht, dass Frankreich als Deutschlands direkter Nachbar doch so viele Überraschungen parat hat. Man hört oft, dass im Süden Frankreichs eine ganz spezielle Mentalität herrscht. Dies kann ich nur bestätigen. Eh man sich versieht, ist man Teil davon. In den Straßen ist sehr viel Leben, die Leute unternehmen mehr draußen und generell ist alles entspannter. Die Franzosen hingegen fanden an mir am kuriosesten, dass ich an roten Fußgängerampeln tatsächlich stehenbleibe.
Sie würden Ihren Aufenthalt in Toulouse also weiterempfehlen?
Nicht nur das. Ich möchte sogar selbst wieder zurück, um meinen Master dort zu absolvieren. Ich habe eine Stadt kennen und lieben gelernt wie noch keine zuvor, und ich habe Menschen kennengelernt, die ich nicht missen möchte.
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