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25.02.2010 10:56

Haiti-Bericht von Prof. Trabert

Von: Birte Müller-Heidelberg

Nach seiner Rückkehr aus Haiti gibt Prof. Dr. Gerhard Trabert Einblicke in sein Tagebuch.

Gerhard Trabert (vorne rechts) mit dem ÄrzteteamProf. Dr. Gerhard Trabert ist Arzt und Sozialarbeiter. Er lehrt im Fachbereich Sozialwesen der Hochschule RheinMain Sozialmedizin und Sozial-/Gemeindepsychiatrie. Nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti reiste er mit weiteren Ärzten und Krankenschwestern auf die Karibikinsel, um Notfallhilfe zu leisten.

Seine Eindrücke hielt er in einem bewegenden Tagebuch fest. Auszüge daraus können Sie hier lesen.

Tag 1: „Es ist schon etwas skurril, in der Air Berlin Maschine 7446 auf dem Flug in die Dominikanische Republik zu sitzen, in der die meisten der Passagiere der Kälte in Deutschland zu entfliehen versuchen und in den Urlaub fliegen. Urlaubsstimmung versus angespannte Konzentration vor einem Einsatz in einem Katastrophengebiet, in Haiti.
[...]
Die Straßen sind voller Schutt.Erste zusammengefallene Gebäude sind sichtbar. Aber auch die Armut ist sichtbar. Die Armut, die schon lange in Haiti besteht, schon lange vor der Erdbebenkatastrophe und von der Welt nicht wirklich und ernsthaft wahrgenommen wurde. In Port-Au-Prince angekommen wird das ganze Ausmaß der Katastrophe erstmals sichtbar. Vollkommen zerstörte Häuser, richtige Häuser, große Bauten. Einfach, wie ein Kartenhaus, in sich zusammen gefallen.“

Tag 2: „Der erste Tag im Krankenhaus in Port-Au-Prince. Die Kollegen berichten von den zahlreichen Amputationen, die bisher durchgeführt werden mussten. Viele Erdbebenopfer hatten so schwere Verletzungen an Beinen und Armen, dass man leider nicht mehr körperteilerhaltend behandeln konnte. Um das Leben zu retten, musste man amputieren. Diese Patienten müssen jetzt unbedingt nachbetreut werden. Es kommen ständig Patienten mit noch unbehandelten Knochenbrüchen.
[...]
Da die Anästhesistin den letzten Tag da ist, werde ich als Notfallmediziner auserkoren, als „Vertretungskurzzeitnarkosespezialist“ eingewiesen zu werden. Gut, dann mache ich einmal etwas ganz anderes.“
Mit ihrer Hilfe zaubern die Ärzte den Betroffenen ein erstes Lächeln aufs Gesicht.


[...]
Es ist ein schönes Gefühl, mit so vielen fremden Menschen aus ganz unterschiedlichen Nationen hier gemeinsam etwas für die betroffenen Haitianer tun zu können. Gelebte Solidarität, jeder ist wichtig, jeder ist wertvoll.“




Mit einem Fixateur werden gebrochene Knochen stabilisiert.Tag 3: „Der gebrochene Knochen muss gerichtet und stabilisiert werden. Ich muss, dies mag etwas skurril klingen, an einen Märklinbaukasten denken, den viele Jungs früher hatten. Männer und ihr Spiel-Bau-Trieb. Sehr viele Schrauben, Metallstangen, Steinmannnägel, Zangen, Schrauben usw.
[...]
Wir sind betroffen, aber das hilft niemandem, wir arbeiten weiter.“

Tag 7: „Das Mädchen atmet kaum noch, Simon, unser Koordinator und Rettungsassistent, beatmet es mit einem Beatmungsbeutel. Das Herz hört auf zu schlagen, wir führen eine Herzdruckmassage durch, spritzen verschiedene Notfallmedikamente, kämpfen gemeinsam um dieses Leben. Wir verlieren. Nach über 30 Minuten Wiederbelebungsversuchen beenden wir unseren Kampf. Das Mädchen ist tot. Wir sind traurig, betroffen, hilflos, sprachlos.
[...]
Das Mädchen wird vom Klinikpersonal auf einer Liege in einen anderen Raum gebracht. Die Träger sind ungeschickt und das verstorbene Mädchen rutscht von der Liege. Wir erstarren. Ist es Ungeschicktheit oder sind zu viele Menschen in Haiti gestorben, und die Vorsicht und Ehrfurcht mit einem verstorbenen Menschenleben umzugehen, hat darunter gelitten?“

Tag 20: „Mein persönliche Fazit: Was bleibt von diesem Hilfseinsatz? Zuerst einmal Fragen. War es sinnvoll, hat man, habe ich meine Aufgabe erfüllt, hat es für die betroffenen Menschen wirklich etwas gebracht? Ich denke ja, es war sinnvoll, und wir konnten einigen Menschen etwas Hilfe in ihrer furchtbaren Situation zukommen lassen."

Hier können Sie sich die kompletten Berichte aus Haiti als PDFs herunterladen: