GESCHICHTE VON 1813-2010

Die Geschichte der Landesbibliothek, 1813-2010

Die Bibliothek geht auf die 1730 von Charlotte Amalie von Nassau-Usingen initiierte Usinger Regierungsbibliothek zurück, die schon 1744 nach Wiesbaden umzog. Im Zuge der Säkularisation ab 1803 wurde sie durch erheblichen Zuwachs aus Klosterbibliotheken, aber auch aus anderen Regierungsbibliotheken (Hachenburg, Dillenburg, etc.) stark erweitert. Ein bedeutender Bestand kam auch aus der Bibliothek der aufgelösten Hohen Schule Herborn. 1813 wurde die Bibliothek öffentlich zugänglich und erhielt als ''Herzoglich Nassauische Öffentliche Bibliothek'' das - heute noch geltende - Pflichtexemplarrecht. Dieses Jahr gilt somit als das eigentliche Gründungsjahr der Landesbibliothek. 1821 zog sie in das Erbprinzenpalais in der Wilhelmstraße ein (heute: IHK-Gebäude).

Die kirchenfeindliche Haltung der Bibliothekare der Zeit (v.a. des ansonsten verdienten politischen Publizisten Johannes Ignaz Weitzel) bewirkte einen recht nachlässigen Umgang mit dem klösterlichen Bucherbe. Nach gewissen Anfangsschwierigkeiten entwickelte sich jedoch die Bibliothek immer mehr zu einem echten kulturellen Zentrum des nassauischen Staates. Vor allem Gottfried Seebode, vormals Schulreferent des Herzogtums, trug durch gezielte Förderung der regionalkundlichen Schriften („Nassovica“) zu dieser Entwicklung bei.

Nachdem Nassau 1866 preußisch wurde, erhielt die Bibliothek den Namen ''Königliche Bibliothek Wiesbaden'' und durchlebte bei einem dramatischen Rückgang der Neuerwerbungen eine Krisenzeit. Bestimmende Figur der zweiten Jahrhunderthälfte war Antonius van der Linde, ein streitbarer niederländischer Historiker in preußischen Diensten, der sich zwar intensiv und produktiv mit den Sammlungen der Bibliothek beschäftigte, am Publikumsbetrieb allerdings kaum interessiert war. Dies wurde verschärft durch die Tatsache, dass zusätzlich zu den traditionellen Benutzern wie Staatsbeamten, Juristen etc. auch immer mehr Badegäste in der Bibliothek erschienen, die internationales Flair, aber auch oft unorthodoxe Wünsche ins Haus brachten.

"Die Zahl der Fremden in Wiesbaden, welche in zudringlicher Weise die Bibliothek zu benutzen wünschten und die von den Hotel- und Hausbesitzern zu Ihrem gegenseitigen Vortheile an die Bibliothek gewiesen wurde, mehrte sich mit jedem Jahre, namentlich bestrebten sich jüngere und ältere Damen, den Zutritt zur Bibliothek zu erlangen [...]"

(zit. nach Götting/Leppla, Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek, Wiesbaden 1963, S. 155)

Erst ab 1900 (Wechsel in städtische Trägerschaft und Umbenennung in ''Nassauische Landesbibliothek'') wurde durch großzügigere finanzielle Förderung, grundlegende Reorganisation und mustergültige Neukatalogisierung wieder ein Aufschwung eingeleitet. 

Vor allem der Name Gottfried Zedlers soll hier erwähnt werden, der in den fast vierzig Jahren seiner Tätigkeit (1895-1933) Pioniertaten bei der Bestandserschließung erbracht hat. 

Viele seiner Veröffentlichungen sind noch heute maßgeblich. 

Als Ergebnis des Aufschwungs konnte die Bibliothek 1913 in das eigens für sie neu errichtete Gebäude in der Rheinstraße einziehen, in dem sie sich noch heute befindet. 

Davor waren an der Stelle die städtischen Fuhrbetriebe in einer ehemaligen Artilleriekaserne untergebracht, die 1907 abgerissen wurde (Bild rechts). 

Nach 1918 machte sich die Verarmung der Stadt und der Verfall des mondänen Kurbetriebs auch in der Landesbibliothek bemerkbar. 1933 geriet die Erwerbung von der finanziellen in die ideologische Misere; nationalsozialistische Literatur wurde bevorzugt erworben. 1938 wurde der Bezirksverband für den Regierungsbezirk Wiesbaden Träger der Bibliothek. Unter dem parteitreuen Direktor Gustav Struck (1940-1945) und unter den sich immer weiter verschlechternden (Kriegs-)bedingungen durchlebte die Bibliothek eine schwere Krise.

Während des Zweiten Weltkriegs lagerte die Bibliothek zahlreiche wertvolle Bestände (u.a. den "Riesencodex" und den illuminierten Scivias-Codex Hildegards von Bingen, beide 12. Jahrhundert) aus Sicherheitsgründen nach Dresden aus.

Nach der Plünderung durch sowjetische  Truppen sind die meisten dieser Werke bis heute verschollen. Nur der „Riesencodex“ blieb in Dresden und gelangte 1948 auf verschlungenen Wegen zurück in die Bibliothek.

Die Luftangriffe der Kriegsjahre allerdings überstand die Landesbibliothek als einzige der wissenschaftlichen Bibliotheken in Hessen völlig unbeschadet.

1953 übernahm das neu gegründete Land Hessen die Trägerschaft, das unter der Leitung von Franz Götting sich schon bald wieder als kulturelles Zentrum etablieren konnte. Im Zuge dessen erhielt das Haus 1963 den Namen ''Hessische Landesbibliothek '' - unter großem Protest vieler der der nassauischen Tradition verpflichteten Benutzer..

Nachdem sich der Buchbestand seit Kriegsende fast verdreifacht hat, stößt die Bibliothek inzwischen an ihre Auslastungsrenzen und musste bereits ein Ausweichmagazin einrichten, sind doch Erweiterungsbauten aufgrund der innerstädtischen Verdichtung ringsherum nicht möglich.

Weiterführende Literatur

 Martin Mayer (Hrsg.): Von der Herzoglich Nassauischen Öffentlichen Bibliothek zur Hochschul- und Landesbibliothek Rhein Main. 1813 - 2013. Wiesbaden 2013.

 Franz Götting und Rupprecht Leppla: Geschichte der nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914. Wiesbaden 1963.

Für die Zeit ab 1914 liegt noch keine umfassende Darstellung vor. Einzelne Facetten zu Geschichte und Gegenwart behandeln  die in der hessischen Bibliographie verzeichneten Veröffentlichungen.

Literatur zu den Beständen der Landesbibliothek findet sich  im entsprechenden Eintrag des Handbuchs der historischen Buchbestände ("Fabian-Handbuch").

Charlotte Amalie von Nassau-Usingen
Charlotte Amalie von Nassau-Usingen
Herzogliches Edikt über die Pflichtablieferung, 1813
Johannes Weitzel
Seit 1821 das Domizil der Landesbibliothek: Das Erbprinzenpalais an der Wilhelmstraße
Ausschnitt einer Karte der Grafschaft Nassau (aus der "Nassovica"-Sammlung)
Antonius van der Linde
Die Rheinstrasse kurz vor dem Bau der Landesbibliothek
Gottfried Zedler
Bibliotheksbetrieb in den 20er Jahren (heute: zentrale Information)
Gemüseanbau im Bibliotheksgarten, Frühjahr 1945
Direktor Franz Götting (rechts) beim Jubiläum 1963
Fastnacht in der Rheinstraße in den 50er Jahren