Immer wieder sind sie als Langweiler verschrien, die den ganzen Tag nur vor ihrem Rechner sitzen: die Informatiker. Dass dem mitnichten so ist, beweist unter anderem Özgür Gülcehre – er studiert an der Hochschule RheinMain Allgemeine Informatik und absolvierte von September 2010 bis April 2011 ein Auslandspraktikum im chilenischen Talca.
Den Zeitpunkt für seinen Auslandsaufenthalt wählte der 30-Jährige, als er seine letzten Scheine bereits geschrieben hatte. Nachdem er lange mit unterschiedlichen Praktikumsstellen in Deutschland geliebäugelt hatte, reizte ihn dann doch der Sprung über den großen Teich. Um seine Spanischkenntnisse zu vertiefen, wollte Özgür sich in Südamerika beweisen. Um am Anfang auch mit geringen Sprachkenntnissen weiterzukommen, recherchierte er gezielt deutsche Firmen mit Sitz im spanischsprachigen Ausland. Die Suche nach einem geeigneten Praktikumsplatz erwies sich innerhalb Europas als einfacher; schon nach kurzer Zeit hatte der Student eine Zusage aus Barcelona. In allerletzter Minute stolperte er dann aber in einem Praktikumsbörse doch noch über das Angebot aus Chile und bewarb sich sofort. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, und nach einem Bewerbungsgespräch per Skype war klar: Özgür würde in Talca in einer Webagentur arbeiten – und sich, quasi nebenbei, Chile anschauen. „Die verrückte Geographie Chiles mit seinen verschiedenen Vegetationszonen, seinen vielen Vulkanen, Seen, Wüsten und Nationalparks bot eine große Vielfalt an Freizeitaktivitäten, die ich gerne neben meinem Praktikum wahrnehmen wollte“, berichtet der angehende Informatiker.
Da er sich erst sehr spät und spontan dazu entschlossen hatte, ins Ausland zu gehen, organisierte Özgür seine Reise komplett selbst. Für eine Förderung, beispielsweise durch den DAAD, reichte die Vorlaufzeit nicht mehr aus. Nachdem er die Zusage aus Chile erhalten hatte, blieb nur noch ein Monat bis zur tatsächlichen Abreise. In dieser Zeit schaffte Özgür es aber tatsächlich noch, einen zweiwöchigen Sprachkurs im spanischen Sevilla unterzubringen.
Glück hatte er mit der Unterkunft in Talca. Quasi als Lohn erhielt er von der Firma, bei der er Praktikum machte, Unterkunft und Verpflegung. So musste Özgür nicht von Deutschland aus eine Wohnung suchen. Mit 14 Mitbewohnern lebte er in einem Reihenhaus, Anschluss an die einheimischen Studierenden war automatisch inbegriffen. „Meinem Spanisch hat das sehr geholfen“, resümiert der Student heute: „Das kann ich jedem wärmstens empfehlen, da man so an alle Informationen, die man so braucht, am leichtesten rankommt. Wo sind die Partys, was kann man an Wochenenden unternehmen, wo kann man günstig einkaufen etc.“
An seinem ersten Tag in Chile wurde Özgür in Talca an der Busstation abgeholt, erst in die WG und dann in die Firma gebracht. Nach einem kurzen Rundgang durch das Unternehmen bot man ihm sofort eine Stadtrundfahrt, und abends ging es mit den Kollegen zum Essen. Die unglaublich gute Rundumbetreuung durch den Arbeitgeber beinhaltete auch ein Fahrrad, mit dem der Student in Zukunft zur Arbeit fahren konnte. Der nächste Tag in Talca war ganz dem Praktikum gewidmet: „Meine Betreuerin setzte sich mit mir zusammen und wollte erfahren, was ich mir von meinem Praktikum erhoffe, wo ich gerne dazulernen möchte und was meine Stärken und Schwächen sind. Danach erzählte sie ein bisschen von Ihrem Tagesablauf und so hatten wir beide einen guten Einblick in das, was wir erwarten konnten und was auf uns zu kommen sollte.“
Während seiner Zeit in Chile verbrachte Özgür sowohl mit Einheimischen als auch mit internationalen Praktikanten viel Zeit. Die chilenischen Studierenden kannten natürlich schon alle Nationalparks und andere Sehenswürdigkeiten, mit ihnen ließ sich also eher Grillen und Feiern. Das Land erkundete der Praktikant aus Wiesbaden eher mit anderen Ausländern, die er über die Arbeit kennenlernte: „Da ich in einer Web-Agentur arbeitete, die sehr viele Kontakte zu touristischen Organisationen hatte, lernte ich sehr viele ausländische Praktikanten kennen“, berichtet Özgür. Insgesamt hat er aber auch die Chilenen als sehr gastfreundlich und zuvorkommend kennengelernt: „Sie haben eine offene, aufgeschlossene, aber unaufdringliche Art, so dass man sich wohl fühlt und das Heimweh schnell vergisst.“
Überrascht hat Özgür der deutsche Einfluss im mittleren Süden des Landes. Kuchen heißt dort tatsächlich Kuchen, und es gibt sogar komplett deutsche Dörfer. Ebenfalls überrascht war er über die hohen Lebenshaltungskosten: „Man hält Südamerika irgendwie immer eher für arm und somit billig, aber Einkaufen im Supermarkt ist manchmal teurer als in Deutschland, und Produkte, die für uns selbstverständlich sind, werden dort als Delikatessen gehandelt und kosten dementsprechend. So zum Beispiel Gewürze, Milchprodukte und Vollkornbrot.“ Kulinarisch traute er sich aber auch an die heimischen Produkte ran, aß unter anderem Lamafleisch und ganze Artischockenpflanzen.
Hört man dem Informatikstudenten beim Fazit seiner Reise zu, merkt man sofort, wie begeistert er war: „Chile gehört wirtschaftlich zu den führenden Nationen in Südamerika und ist mit Abstand das sicherste Reiseland dort. Das Land ist einmalig: knapp 5000 km lang und gerade mal 180 km breit. Dementsprechend bietet es nahezu alle Vegetationszonen, die man sich vorstellen kann – vom ewigen Eis in Patagonien, blau schimmernden Gletschern, heißen Quellen und schneebedeckten Vulkanen bis hin zu Regenwäldern, der trockensten Wüste der Erde, Steppen, endlosen Sandstränden und schneebedeckten Bergen in den Anden. Man sollte sich also unbedingt viel Zeit nehmen. Ich hatte vier Monate Praktikum und nur zwei Monate Zeit zum Reisen. Das hat aber nicht ansatzweise gereicht, um die Vielfalt des Landes zu sehen. Ich bin an Gletschern vorbeigeschippert, habe Pinguine gesehen, einen 5600 Meter hohen Berg erklommen, einen aktiven rauchenden Vulkan bestiegen (und mit dem Snowboard runter!), bin mit einem Motorrad quer durch die Anden gefahren, habe wunderschöne Nationalparks durchwandert, die trockenste Wüste der Welt bereist, bin auf Sanddünen mit dem Snowboard runtergerutscht, habe Pablo Nerudas Haus in Valparaiso bewundert, Rammstein live in Santiago gesehen, die tiefste Kupfermine der Welt besucht und natürlich jede Menge Pisco Sour getrunken! Am liebsten hätte ich noch mal sechs Monate drangehängt und eine ausgiebige Rundreise gemacht.
„In Chile gibt es so viele Erdbeben, dass es sogar sprachliche Abstufungen gibt. Ein kleiner Erdstoß heißt ‚Temblor’, übersetzt ‚Bebchen’. Beben, die in Deutschland eine Massenpanik auslösen würden, gehen in Chile noch als Bebchen durch. Das Wort ‚Terremoto’ (Erdbeben) wird erst ab einer bestimmten Stärke und Dauer der Erschütterung verwendet. Nach unzähligen Temblors in Talca blieb mir aber nur ein Erdbeben in Erinnerung, und das erlebte ich ausgerechnet am Strand. Ich war auf einer Motorradrundreise und übernachtete in dem schönen Städtchen Iloca direkt am Strand. Mein Arbeitskollege und ich waren die einzigen Gäste in dem Hostal. In dieser Nacht wachte ich auf, und mein Bett wurde hin und hergeschleudert. Bilder fielen von der Wand, der Putz fiel von der Decke, der Fernseher fiel aus seiner Halterung... ich fiel quasi aus dem Bett und torkelte in den Flur, bevor ich draußen war, hörte es auch schon wieder auf. Mein Kollege kam kurz darauf aus seinem Zimmer gerannt. Wir wollten das Hotel schnellstmöglich verlassen, unsere Motorräder standen aber im Hof, und das Tor war abgeschlossen. Die Mitarbeiter übernachteten wohl woanders, denn wir trafen niemanden im Hotel an. Einen Nachtportier gab es nicht. Panisch klingelte ich Freunde aus dem Bett und wollte wissen, wie stark es war, und ob sie es 300 km weiter auch gespürt hätten. Da ich die Stärke überhaupt nicht einschätzen konnte, weil ich etwas Vergleichbares noch nie erlebt hatte, zitterten mir die Knie, und die Angst vor einem Tsunami wuchs (ich hätte immerhin von meinem Hotelfenster ins Meer pinkeln können). Nachdem aber klar wurde, dass es ‚nur’ ein Erdbeben der Stärke 5,4 war und Tsunamis erst ab 7 zu erwarten sind, legte sich langsam die Panik. Ich habe dann aber trotzdem meine Klamotten zum schlafen angelassen. Im Nachhinein stellte sich raus, dass wir dem Epizentrum sehr nahe waren (15 km weiter im Meer) und es sich deshalb so stark anfühlte. Erst am nächsten Tag fielen mir die ganzen Schilder mit den Tsunamifluchtwegen im Ort auf. Nicht mal ein Jahr war es her, dass eines der stärksten Erdbeben (8,8), die jemals gemessen wurden, und der darauf folgende Tsunami dieses Örtchen komplett zerstörte. Auch Talca war damals sehr stark betroffen, und die Folgen sind immer noch sichtbar...
Deshalb überraschte es mich dann auch nicht mehr, dass der Chilenische Cocktail (Weinschorle mit einer Kugel Ananas-Eis), der einem die Beine wacklig werden lässt, ‚Terremoto’ heißt.“
Sie wollen auch für ein Studien- oder Praxissemester ins Ausland? Informieren Sie sich auf den Seiten des Büros für Internationales:
www.hs-rm.de/international
