Jennifer Ester verbrachte das erste Halbjahr 2011 in North Dartmouth, circa anderthalb Stunden südlich von Boston in den USA. Die Studentin der Innenarchitektur besuchte in Massachusetts das College of Visual and Performing Arts der University of Massachusetts Dartmouth (UMass Dartmouth).
„Schon zu Beginn meines Studiums stand für mich fest, dass ich ein Semester im Ausland verbringen möchte. Im Laufe der Zeit besuchte ich mehrere Informationsveranstaltungen des Büros für Internationales der Hochschule RheinMain und abonnierte auch den E-Mail-Newsletter zum Thema. Festgelegt, in welchem Land ich gerne studieren möchte, hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, da ich dies vom Programm der jeweiligen Universitäten abhängig machen wollte. Eines wollte ich jedoch auf jeden Fall – raus aus Europa. Zumindest für ein Semester. Die Partnerschaften, die speziell mein Fachbereich unterhielt, reizten mich nicht besonders, aber dann erfuhr ich über den E-Mail-Newsletter vom Austauschprogramm ‚Hessen-Massachusetts’. Ein Beratungstermin beim Büro für Internationales brachte Klarheit: Die Programme der UMass in Amherst und Dartmouth klangen interessant, also habe ich mich darauf beworben.
Die Organisation im Vorfeld übernehmen die Studierenden im Hessen-Massachusetts-Programm in der Regel selbst. Allerdings haben uns die Ansprechpartner im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst bei einer umfassenden Informationsveranstaltung im Vorfeld mit den wichtigsten Informationen zu Visa-Bewerbung etc. ausgestattet. Zudem hat sich rechtzeitig auch die jeweilige amerikanische Hochschule als Ansprechpartner angeboten, so dass man immer wusste, an wen man sich wenden konnte. Als Einzige im Programm hatte ich zudem das Glück, einen eigenen Advisor in meinem Fachbereich zu haben, der mir jegliche organisatorische Dinge bezüglich der Kurswahl abgenommen und mich zudem noch mit nützlichen Informationen zu Wohnungssituation, Transportmitteln etc. versorgt hat. Sehr hilfreich war auch, dass ich mich für die Planung gleich mit einer weiteren Deutschen aus dem Programm zusammengetan habe. Ulrika und ich haben uns beim Vorbereitungstreffen im Ministerium kennengelernt, und nachdem wir erfahren hatten, dass wir beide im Januar nach Dartmouth gehen, haben wir uns bereits während der Vorbereitung viel ausgetauscht und sind auch dann zusammen gereist.
Dadurch, dass ich am Hessen-Massachusetts-Programm teilgenommen habe, wurden mir die Studiengebühren erlassen. Das wäre sonst in den USA ein ganz schöner Batzen gewesen. Zusätzlich wurde ich über das PROMOS-Programm des DAAD mit einem Teilstipendium gefördert. Die Bewerbungen waren, wie so oft, mit viel Papierkram verbunden und recht zeitaufwändig. Allerdings kann ich allen Interessierten nur empfehlen, diese Zeit und Arbeit zu investieren. Es lohnt sich, und wenn man die Informationen und Unterlagen einmal zusammengetragen hat, ist jede weitere Bewerbung nicht mehr so aufwändig.
In den USA angekommen, hatte ich zuerst ein wenig Pech mit meiner Wohnungssituation. Aufgrund der horrenden Preise auf dem Campus hatte ich mich dafür entschieden, Off-Campus zu wohnen. Auf der Uni-eigenen Housing-Seite und bei unabhängigen Anbietern im Internet habe ich nach einer geeigneten Wohnung gesucht. Dies gestaltete sich etwas schwierig, da viele Wohnungen nicht für einen so kurzen Zeitraum zu mieten waren oder zu weit vom Campus entfernt lagen. Letztendlich fand ich eine Wohnung in Laufdistanz zum Campus, die allerdings auch wieder alles andere als günstig war. Außerdem teilte ich mir meine Küche mit drei etwas chaotisch veranlagten Teenies. In der zweiten Woche meines USA-Aufenthalts hatte ich jedoch das Glück, eine weitere Deutsche wieder zu treffen, die ich bereits beim Vorbereitungstreffen in Deutschland kennengelernt hatte. Karo war bereits ein Semester vor mir angereist und hatte gerade ein Zimmer in ihrer neuen WG genau gegenüber des Campus bezogen. Das Haus war gerade mal ein Jahr alt, die Miete nur halb so hoch wie die meiner Wohnung, und rein zufällig war dort auch noch ein weiteres Zimmer frei. Also bin ich in der dritten Woche direkt wieder umgezogen. In der neuen Wohnung lebte ich nun also mit Karo und zwei amerikanischen Studentinnen, Jocelyn und Alyssa zusammen. Jede von uns hatte ihr eigenes Schlafzimmer, und jeweils zu zweit haben wir uns ein Bad geteilt. Damit hatte ich nun wirklich den Jackpot gezogen. Wir vier haben uns alle auf Anhieb super verstanden und zusammen mit Ulrika auch einen großen Teil unserer Freizeit gemeinsam verbracht. Ich habe durch meinen Umzug also nicht nur eine Menge Geld gespart und eine wesentlich bessere Wohnsituation bekommen, sondern auch gleich noch ein paar gute Freunde gefunden. Was ich bei der Wohnungssuche gelernt habe ist, dass es sehr schwierig ist, eine geeignete Wohnung zu finden, wenn man selbst nicht vor Ort ist und auch noch niemanden dort kennt. Am besten ist es, Kontakt zu Studierenden aus dem gleichen Programm oder der gleichen Hochschule aufzunehmen, die schon dort sind/waren und von deren Erfahrungen und Kontakten man profitieren kann. Im Zweifelsfall lieber für eine Woche im Motel übernachten und vor Ort nach einer Wohnung suchen. In den USA kann man meistens direkt nach der Besichtigung auch schon einziehen. Das Leben auf dem Campus hat seine eigenen Vorzüge und Nachteile. Zum einen ist es natürlich für einen Austauschstudenten die sicherste Variante, da man dort über die Vorlesungszeit auf jeden Fall einen Platz zum Schlafen hat und sich keine Gedanken darüber machen muss, wie man jeden Tag zum Campus kommt. Allerdings war das Leben auf dem Campus in Dartmouth für die gebotene Wohnsituation wirklich unverschämt teuer (1000$/Mo in einer 4er WG und 750$/Mo in einem geteilten Schlafzimmer mit Etagen-Waschräumen ohne Küche). Zudem mussten alle Studentenwohnheime über die Ferien (Springbreak) und bereits kurz nach Semesterende geräumt werden, wenn man keine Zusatzgebühr bezahlen wollte.
Auch das Studieren selbst funktioniert in den USA ganz anders als in Deutschland. Die Unterschiede zwischen dem Bildungssystem sind deutlich spürbar. Wo in Deutschland generell mehr Wert auf selbstständiges Studieren gelegt wird und dann die Ergebnisse einer recht harten Prüfung unterzogen werden, nehmen die Professoren in den USA ihre Studierenden in Punkto Grundlagenvermittlung etwas mehr an die Hand und lassen, wenn es um die Kreativität im Entwurf geht, die Zügel merklich lockerer. So habe ich in meinen knapp fünf Monaten in den USA nie erlebt, dass in einem Kurs der Grundgedanke eines Entwurfs ernsthaft in Frage gestellt wurde. Die Professoren dort respektieren jeden Studenten als kreative Persönlichkeit und versuchen diesem lediglich die nötigen Werkzeuge in die Hand zu legen. Frei nach dem Motto: „Im Bereich Design gibt es kein absolutes ‚Richtig’ oder ‚Falsch’, es liegt alles im Auge des Betrachters“. Am Anfang meiner Zeit in den USA war das für mich schon etwas ungewohnt. In meinem Studium hier in Deutschland wird einem in Punkto Entwurfsfindung doch etwas mehr unter die Arme gegriffen. Dennoch habe ich im Unterricht dort sehr viel Spaß gehabt und mich dank der Hilfsbereitschaft meiner Professoren und Kommilitonen auch sehr gut zurechtgefunden. Das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden war in meinen Kursen in den USA wesentlich enger, als ich das aus Deutschland gewohnt bin. Die Professoren versuchten die Barriere zwischen sich und den Studierenden so niedrig wie möglich zu halten und waren auch außerhalb des Unterrichts immer für Fragen greifbar, ob persönlich oder per Email.
Insgesamt war das Interesse der Menschen in meinem Gastland an mir sehr groß. Generell habe ich die Amerikaner als ein sehr freundliches und kontaktfreudiges Völkchen kennengelernt. In jedem meiner Kurse habe ich in der ersten Stunde bereits Kontakte knüpfen können und Hilfe angeboten bekommen, für den Fall, dass ich mit den ersten Aufgaben nicht zurechtkomme. Es läuft ja das Gerücht um, dass Amerikaner recht überschwänglich aber dafür nur oberflächlich freundlich und hilfsbereit wären. Diesem Gerücht kann ich in keiner Weise Recht geben. Ich war immer wieder überrascht, wieviel ernstgemeinte Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit uns in unserer Zeit in Massachusetts entgegengebracht wurde. Überrascht war ich auch immer wieder darüber, dass so viele Leute, die ich dort getroffen habe, eine starke Verbindung zu Deutschland haben. Viele hatten deutsche Wurzeln, waren mit einer/m Deutschen verheiratet, haben ein paar Jahre dort gelebt oder ein Auslandssemester gemacht. Mit einer meiner Kommilitoninnen konnte ich mich sogar fließend in Deutsch unterhalten, weil sie mal einen deutschen Freund hatte.
Ich habe meine Freizeit dort aber nicht ausschließlich mit Einheimischen verbracht. Auf dem Campus gab es sehr viele internationale Studierende, Franzosen, Finnen, Italiener, Koreaner und auch noch sechs weitere Deutsche. Die internationalen Studierenden haben automatisch vieles gemeinsam, auch wenn sie nicht aus demselben Land kommen. Die Situation, in einem neuen Land zu sein, sich erst einmal zurechtfinden zu müssen, und die mehr oder weniger ausgeprägten anfänglichen Verständigungsprobleme. Da ist es nur verständlich, dass man sich als Gruppe zusammenfindet und einiges zusammen unternimmt. Wir hatten wirklich sehr viel Spaß und eine tolle Zeit. Die meiste Zeit habe ich allerdings mit meinen Mitbewohnerinnen und Ulrika verbracht. Wir Fünf waren wirklich viel zusammen unterwegs und haben so einige unvergessliche Momente zusammen erlebt.
Ob ich den gleichen Auslandsaufenthalt wieder wählen würde? Es gibt bestimmt schönere, wärmere und interessantere Orte als das kleine Dartmouth, allerdings hatte ich dort eine unvergessliche Zeit und ich bin froh über alle Menschen, die ich dort getroffen habe. An einem anderen Ort hätte mein Auslandssemester sicher ganz anders ausgesehen, und ich hätte andere Erfahrungen gemacht, andere Leute getroffen. Diese Dinge möchte ich aus meiner Zeit in Dartmouth auf keinen Fall missen, daher habe ich mit dem Semester dort für mich wohl die richtige Entscheidung getroffen. Generell würde ich Studieninteressierten raten, eher im Herbst-Semester dorthin zu gehen, da man so dem doch ziemlich strengen Winter in New England ein bisschen mehr entgehen kann.“
Sie wollen auch für ein Studien- oder Praxissemester ins Ausland? Informieren Sie sich auf den Seiten des Büros für Internationales:
www.hs-rm.de/international
