AKTUELLE MELDUNGEN AUS DEM FACHBEREICH SOZIALWESEN

"Alle hier würden in die Zukunft schauen, das Leben geht weiter"

Das Leben geht weiter

Nach etlichen Versuchen in die Region Idlib bei Aleppo durch die Türkei einreisen zu dürfen, was von türkischer Seite immer abgelehnt wurde , bin ich nun endlich in Qamishlo, im Norden Syriens auf dem Flughafen angekommen. Qamishlo liegt in Rojava, ein unter kurdischer Kontrolle befindliches Gebiet in Nordsyrien. Aber genau da fängt schon die Verwirrung an. Der Flughafen von Qamishlo wird vom syrischen Assad Regime kontrolliert. Hier greifen nun arabisch-syrisch-kurdische Netzwerke. Durch Beziehungen bekomme ich ein offizielles Einreisevisum ausgestellt. Ein Visum des diktatorischen Assad-Regimes. Es kostet 100 US $. Vom Airport geht es dann ins kurdisch kontrollierte Gebiet. Das ist diese besondere Besonderheit in Qamishlo. Ständig wechselt man in dieser Stadt die „Seiten“. Kurdische Militärkontrollen wechseln mit syrischen Regime Militärkontrollen ab. Man hat nicht den Eindruck, dass hier ständig eine militärische Auseinandersetzung zwischen diesen Parteien droht, es herrscht eine situativ bedingte Koexistenz. Der gemeinsame Feind ist der IS. Was passiert allerdings, wenn dieser besiegt und vertrieben sein wird?

Qamishlo „Home of Patients“

Ich komme ins „Home of Patients“, es ist so etwas wie eine Reha-Einrichtung für verletzte kurdische Kämpfer*innen der Volksverteidigungseinheiten (YPG) und der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ). Zu Beginn und zum Ende meiner Reise wohne ich gemeinsam mit den Kämpfern und Kämpferinnen in diesem Reha-Zentrum. Mit 4 weiteren YPG Soldaten teile ich mir ein Zimmer. Es ist eine beeindruckende Atmosphäre in diesem Rekonvaleszenz - Wohnheim. Kämpferinnen und Kämpfer leben hier gemeinsam. Sofort ist der gegenseitige Respekt, eine liebevolle Fürsorge, ein von Würde geprägtes weitestgehend hierarchieloses Miteinander spürbar. Ich habe noch nie zuvor einen solchen Ort, eine solche zwischenmenschliche Atmosphäre, einen solchen Spirit kennen und erfahren lernen dürfen. Und dies bei all der Tragik des spürbaren Grauens des Krieges. Ich sehe arm- und beinamputierte Männer und Frauen, alle in der Uniform der Befreiungsarmee. Rollstuhlfahrer*innen, erblindete Soldaten*innen, Verletzte, deren Wunden noch versorgt werden müssen. Physiotherapeutisch wird mit den spärlich vorhandenen Hilfsmitteln behandelt. Bezüglich einer Betreuung der seelischen Wunden erfahre ich nicht so viel. Eine wichtige Hilfe bei der Verarbeitung dieser Kriegstraumata ist mit Sicherheit diese gegenseitig gelebte Würde, dieser Respekt, diese authentische Fürsorge. Die „Verletzten“ sind nicht ausgesondert, sie werden nicht ausgegrenzt und weggeschlossen, nein, sie gehören dazu, sie waren und sind Garant für die Freiheit des kurdisch bestimmten und gelebten demokratischen Gesellschaftsmodells. Ich befinde mich in einem Kriegsgebiet und die Menschen strahlen etwas zutiefst Friedvolles aus. Klingt skurril, trifft es aber am besten. Und ich, der, der aus einem superreichen, in Frieden lebenden Land kommt, der nach kurzer Anwesenheit wieder in die Sicherheit und Geborgenheit zurückfliegt, dieser Mensch wird hier sofort herzlich aufgenommen. Keine Vorwürfe, nein Dankbarkeit, dass ich hier her gekommen bin, bestimmt die Begegnung. Dankbarkeit für eine doch im Prinzip Selbstverständlichkeit, ärztliche Hilfe und Unterstützung dort hinzubringen und zu leben, wo sie dringend benötigt wird. An diesem Ort herrscht auch keine Frustration und Depression, es dominiert eine lebensbejahende optimistische Freude. Vielleicht ist der Mensch gerade dann dem Leben sehr nahe, wenn der Tod so dicht zu diesem Leben dazugehört. Die Menschen sind aber auch so motiviert und optimistisch, weil sie sich scheinbar total mit diesem endlich errungenen basisdemokratischen Gesellschaftsmodell identifizieren können. Wo Mitbestimmung auf allen gesellschaftlichen Ebenen strukturell verankert und konkret praktisch gelebt wird. Ich erfahre viel zum Aufbau der Mitbestimmung. Von einer demokratischen Grundordnung, in der von unten nach oben agiert und regiert wird. Wo es ein gleichberechtigtes Miteinander von unterschiedlichen Religionen, Kulturen, Ethnien und der Geschlechter gibt. Wo die Rolle der Frau nicht mehr von der des Mannes zu unterscheiden ist. Bestimmt noch nicht überall verwirklicht, aber strukturell verankert und selbstbewusst von den Frauen gelebt. Diese Form der Frauenrevolution wird durch eine schöne orientalisch klingende Metapher zum Ausdruck gebracht. „Die Theorie der Frauenrevolution ist die der Rose, die sich selbst verteidigt.“

Ich fühle mich ein wenig beschämt ob all der mir entgegengebrachten Dankbarkeit und Fürsorge. Aber ich fühle mich sehr wohl an diesem Ort des Krieges und des Friedens.

Besuch von Millitär- und Zivilkrankenhäuser

In den nächsten Tagen schaute ich mir verschiedene Militär- und zivile Krankenhäuser in Rojava, in den Städten Qamishlo, Dirbesiye, Serekaniye und in Kobane an. Überall wird mit großem Engagement unter schwierigen Bedingungen gearbeitet. Eine Grundausstattung, mit vielen Defizitbereichen, ist mittlerweile vorhanden. Gerade die unfallchirurgische Versorgung steht dabei im Vordergrund. Die Verletzungen durch Gewehrkugeln, Geschosse, Granaten, Bomben der Kämpfer und Kämpferinnen aber auch der Zivilbevölkerung ist eines der dominierenden gesundheitlichen Versorgungsprobleme. Es fehlt aber immer noch an so vielem, was Diagnostik und Therapie betrifft. Die Röntgengeräte funktionieren häufig nicht richtig, Ultraschall ist selten vorhanden, Computertomographie-Untersuchungen finden nur in wenigen Zentren statt. Ich besuche das Dirbesiye-Hospital, in dessen unmittelbarer Nähe, durch Luftangriffe vollkommen zerstörte Häuser zu sehen sind. Vom Verantwortlichen dieses Krankenhauses werde ich durch die einzelnen Abteilungen geführt. Die Terminologie ist auch diesbezüglich eine andere, es ist eben nicht der Krankenhausverwaltungschef, es ist der Verantwortliche für dieses Krankenhaus, und dies ist keine sprachliche Spitzfindigkeit. Die Ausstattung ist spärlich, vieles erscheint unaufgeräumt, verschmutzt, irgendwie im Aufbau. In der Geburtsabteilung schildert er mir seine größte derzeitige Sorge. Vor wenigen Stunden seien hier zwei Kinder geboren worden. Beide hätten sofort in einem Inkubator behandelt werden müssen, dieser sei aber leider nicht vorhanden. Ein Neugeborenes sei daraufhin verstorben, das andere auf dem Weg in ein 100 km entferntes Hospital, dort gebe es noch diese Behandlungsmöglichkeit. Ob das Neugeborene diesen Transport überleben wird, ist sehr fraglich. Was er demnach für die Versorgung der Menschen hier dringend benötigt, ist ein Inkubator. Da das Krankenhaus einen großen Einzugsbereich hat, kommen sehr viele Patienten und Schwangere hier her. Es gibt nur noch ein Dialysegerät für viele Nierenkranke. Immer wieder sterben Menschen mit einer Niereninsuffizienz, da sie nicht adäquat behandelt werden können.

Wir fahren weiter und diese Szenerie wiederholt sich immer wieder. Es fehlt hauptsächlich an Medikamenten. Besonders Antibiotika, Schmerzmittel und Medikamente zur Behandlung einer Zuckerkrankheit, speziell Insulin. Ich weiß von Studien, die besagen, dass seit Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien ca. 200.000 Menschen aufgrund von fehlenden Medikamenten verstorben sind.

Kobane die Stadt des Widerstandes

Wir kommen schließlich nach Kobane. Die Stadt, die zum Symbol des erfolgreichen Widerstandes der syrischen Kurden gegenüber dem IS steht. Man zeigt mir die zwei Seiten von Kobane. Direkt an der türkischen Grenze befinden sich die total zerstörten Stadtteile. Häuserketten, der gesamte Bezirk liegt förmlich in Schutt und Asche. Fragile Häusertrümmer, skelettartige Häuserreste, zerstörte schwere Waffen, Artillerie-artiges Kriegsgerät, Raketenteile. Niemand traut sich in diese Trümmerhäuser zu gehen, die Einsturzgefahr ist zu groß. Und niemand beerdigt die toten IS-Kämpfer, die dort in den Trümmern noch liegen. Man berichtet mir, dass die fliehende IS-Terrormiliz sich in die Türkei abgesetzt hätte, ohne von den türkischen Grenzsoldaten daran gehindert zu werden. Immer wieder sei es zu IS Terroraktionen von türkischem Territorium aus gekommen, ohne dass türkische Sicherheitskräfte eingeschritten wären. Im Gegenteil, teilweise wären sie von türkischen Soldaten dabei unterstützt worden. Aber es gibt auch die andere Seite von Kobane. Es wird überall gebaut. Es entstehen große Wohnhäuser, Banken (es gibt wohl auch viel zu finanzieren!?), neue Straßen, Kanalisation… Das Leben geht weiter. Unser Fahrer zeigt mir ein vollkommen zerstörtes Haus. Das wäre sein Haus gewesen. Ja, er wäre wütend, traurig und fassungslos. Aber so ergehe es vielen in dieser Stadt des Widerstandes. Alle hier würden in die Zukunft schauen, das Leben geht weiter und man werde diese Stadt wieder aufbauen. Die Basis für diese Kraft, Energie und Mut scheint mir die starke Identifikation mit der parallel dazu kreierten neuen demokratischen Gesellschaftsstruktur zu sein. Der Glauben an Mitbestimmung, Beteiligung und gemeinsamer Neugestaltung eines auf gegenseitigen Respekts und Würde basierenden Zusammenlebens.

Waisenhaus in Kobane

Wie ich von einer Vertreterin der WJAR Organisation, der Stiftung der Freien Frau in Rojava, erfahre leben in Kobane 989 wohnungslose Kinder. Häufig sind es Waisenkinder, deren Väter und Mütter als Befreiungskämpfer gestorben sind. Für diese Kinder wird ein neuer Heimgebäudekomplex aufgebaut. Zudem auch Schule und Kindergarten, Küche, großzügige Wohnbereiche und Spielplätze gehören. Leider ist bei meinem Besuch, dieses im Bau befindlichen Gebäudekomplexes, mal wieder Baustopp angesagt. Es fehlt das Geld zum Weiterbau. Es fehlt die finanzielle Unterstützung.

Gesundheitseinrichtungen in Kobane

In Kobane besuche ich das neue Gesundheitszentrum, das auch mit Hilfe der deutschen Initiative „Medizin für Rojava“ aufgebaut wurde. Der Leiter, Dr. Nassan Ahmad, zeigt mir die Räumlichkeiten und erklärt mir die Arbeitsbereiche. Der Schwerpunkt des Zentrums liegt auf der Gynäkologie und Geburtshilfe. Inkubatoren sind hier vorhanden und augenscheinlich im Einsatz. Zwei frühgeborene Säuglinge liegen in den beiden Inkubatoren. Ein Frühgeborenes wird es aber leider wahrscheinlich nicht überleben. Und es fehlen wieder zahlreiche wichtige Medikamente. Dann gehen wir ins Kobani-Hospital. Auch hier wieder eine gute Basisausstattung, ein absolut professionell strukturiertes ambulantes sowie stationäres Aufnahme-, Behandlungs- und Versorgungskonzept. Einer, der dort in verantwortlicher Funktion arbeitenden Ärzte, Dr. Hikmet Ahmad, gibt mir aber auch zu verstehen, dass hier schon viele Besucher gewesen seien, Fotos machten und nie mehr wiedergekommen wären. Ich verstehe seine Frustration und Kritik sehr gut. Fast 500 Operationen werden innerhalb eines Monats dort durchgeführt. Einer der dort tätigen Chirurgen, Dr. Kurdu Abdi, erklärt mir, dass er dringend chirurgisches Equipment benötigt, speziell Fixateur externa Utensilien. Er habe so viele durch Explosionen, Bomben und Granatsplitter sowie Schusswunden verletzte Patienten, dass er notwendige Operationen aufgrund des Mangels an Osteosynthesematerial nicht gut behandeln könne. Er benutzt das verwendete Material nach Sterilisation sofort wieder für den nächsten Patienten. Dr. Kurdu war während der IS-Offensive in Kobane. „Der IS war 200m von unserem Krankenhaus entfernt, wir haben weiter operiert. Ob Krieg oder Frieden, wir bleiben hier und behandeln die Menschen.“

Das Flüchtlingslager Ayn Issa

Die nächsten Tage fahre ich mit Dr. Yasar Parlakli, einem Gynäkologen der normalerweise in Berlin arbeitet und überzeugter Kurde ist, in das Flüchtlingslager Ayn Issa. Es liegt 90 km südlich von Kobane und ca. 50 km entfernt von der gerade stark umkämpften Stadt Raqqa. Entlang dem Euphrat, vorbei an Olivenhainen, immer wieder zerstörten Häusern, flachem grünen Land, Schafsherden, einer kurdischen Militär Base und einer US-amerikanischen Militärstation erreichen wir die schon von weitem weiß leuchtenden Zelte des Flüchtlingslagers. In Ayn Issa (das Auge Jesu) leben ungefähr 5000 Menschen. Sie sind hauptsächlich aus dem Norden Iraks, aus der Region Mosul und der umkämpften Stadt Raqqa geflohen. Das Flüchtlingslager wird von dem UNHCR und MSF (Ärzte ohne Grenzen) betreut. Es stehen für all die geflüchteten Menschen nur 4 Toiletten und 2 Wasserstellen zur Verfügung. In den Zelten leben bis zu 10 Menschen, meist Frauen und Kinder. Abends wird es empfindlich kalt, tagsüber sehr warm. Es gibt keine Heizmöglichkeit, wie ich sie in Flüchtlingslagern im Libanon kennenlernen durfte. Dr. Yasar bietet eine frauenärztliche Sprechstunde in einem von einer schweizerischen Hilfsorganisation gespendeten Gesundheitsmobil an. In einem kleinen Häuschen wird von MSF eine allgemeinmedizinisch ärztliche Versorgung angeboten. Dr. Massud von MSF arbeitet dort. Ich frage, ob ich ihn unterstützen darf. Er nimmt das Hilfsangebot dankend an. Ich orientiere mich und frage welche Behandlungsmöglichkeiten, welche Medikamente denn vorhanden seien. Sehr wenig muss ich erfahren, man warte auf einen Medikamententransport. Was gibt es frustrierendes für einen Arzt, Patienten zu untersuchen, eine Diagnose zu stellen, die Therapiemöglichkeit zu wissen, um dann festzustellen, dass es diese medikamentöse Therapie vor Ort nicht gibt. Wir untersuchen und behandeln soweit es möglich ist. Am nächsten Morgen fahre ich mit meinen syrischen Kollegen zu verschiedenen Apotheken in Kobane und kaufe mit dem Geld das ich dabei habe Medikamente ein. Es gibt sie, wenn auch nicht in großen Mengen. Mit etlichen Kisten voller Antibiotika-Saft für Kinder, Paracetamol-Sirup, Schmerzmitteln, Medikamente bei Magenbeschwerden, Salben für unterschiedliche Hauterkrankungen fahren wir dann erneut in das Flüchtlingslager Ayn Issa. Dr. Massud freut sich sehr über diese zusätzlichen Behandlungsmöglichkeiten. An diesem Tag behandeln wir wesentlich mehr Patienten. Scheinbar hat es sich herumgesprochen, dass die Ärzte wieder neue Medikamente haben. Das Erkrankungsspektrum ist so, wie ich es seit über 25 Jahren bei meinen Hilfseinsätzen kenne. Säuglinge und Kleinkinder leiden unter Durchfallerkrankungen, Mittelohrentzündungen, Lungenentzündungen, Hauterkrankungen von der Windeldermatitis bis zu Krätze. Die Mütter haben oft Gelenkschmerzen und sind einfach erschöpft und psychisch stark belastet. Eine Mutter kommt aufgeregt zu uns und berichtet von ihrem 12-jährigen Sohn, der eine Epilepsie habe. Sie sind aus Mosul, ca. 300 km entfernt, bis hierher geflohen. In Mosul hätte ihr Sohn immer dann, wenn es Bombeneinschläge und Explosionen gab angefangen zu krampfen. Jetzt seien sie schon 3 Wochen im Flüchtlingslager und sie habe seit der Flucht keine antiepileptischen Medikamente mehr. Das besondere sei allerdings, dass ihr Sohn seit der Flucht auch nicht mehr gekrampft habe. Ich versuche, sie zu beruhigen und erkläre ihr, dass vielleicht gerade diese Bombenexplosionen, die damit verbundene Angst, der Grund für die Anfälle gewesen sein könnten. Einerseits haben wir auch keine Antiepileptika in unserer Apotheke und andererseits erscheint mir dies eine wirkliche Erklärungs- und Interpretationsmöglichkeit zu sein. Die Mutter ist dankbar und wünscht mir Allahs Segen.

Zudem behandeln wir Verletzungen die auf der Flucht entstanden sind und Dr. Yasar untersucht und behandelt zeitgleich die Frauen. Die schwangeren Frauen sind häufig sehr um ihre ungeborenen Kinder besorgt. Da wirkt der Ultraschall-Beweis der Herzaktionen des Foetus wie befreiend und sehr beruhigend auf die werdenden Mütter. Vorgestern wurden in seinem Gesundheitsmobil 2 Kinder geboren. Alles verlief gut, Mutter und Kind waren wohl auf.

Warum es diese medikamentösen Versorgungslücken, trotz lokal vorhandener Medikamente gibt, bleibt ein Rätsel. Warum es so lange dauert, bis die versprochenen 10 Dixi-Toiletten endlich im Lager ankommen ist ein mehr oder weniger großes Mysterium. Ich möchte nicht spekulieren, aber dies ist zumindest sehr ärgerlich und führt zu einem katastrophalen Versorgungsdefizit. Mein Gang durch das Flüchtlingslager zeigt die ganze Tristesse, der Lebenssituation dieser von Krieg und Armut geflohenen Menschen. Worte können das nicht wiedergeben.

Militäroffensive

Auf dem Rückweg nach Kobane fahren wir an Kilometerlangen LKW-Konvois vorbei. Zumeist Container, zwischen deutlich sichtbarem militärischem Gerät. Meine Begleiter vermitteln mir, dass dies ein Militärkonvoi sei, in den Containern werde von außen nicht sichtbar, mit Sicherheit Kriegswaffen, Fahrzeuge und Munition transportiert. Der Konvoi fährt in die US-Base. Eine militärische Offensive der us-amerikanischen Einheiten vor Ort gemeinsam mit den kurdischen Kämpfer*innen zur Vertreibung des IS aus Raqqa steht wohl unmittelbar bevor.

Besuch des zukünftigen Ausbildungszentrums für Medizin

Dann geht meine Reise wieder zurück nach Qamishlo. Wieder besuchen wir verschiedene Krankenhäuser, aber auch eine zukünftige Akademie zur Ausbildung von Medizinstudent*innen. Das Ausbildungs-Curriculum ist außergewöhnlich gut strukturiert. Auch hierbei setzt man neue Akzente, die das praktische ärztliche Handeln mehr in den Mittelpunkt der Ausbildung platziert. Meine Frage nach den Auswahlkriterien, also wer denn Medizin studieren darf, wird ebenfalls außergewöhnlich beantwortet. Die Kommune, die Gemeinde selbst entscheidet, einerseits ob es einen Bedarf an ärztlicher Versorgung gibt und wenn ja, wer von den dort lebenden Menschen für den Arztberuf als geeignet erscheint. Die Auserwählten kommen für einen Monat in diese Akademie, quasi zu einem ersten Praktikum. Unterkunft und Verpflegung übernimmt die Kommune, es gibt keine Studiengebühren. In dieser Praktikumszeit wird geschaut, ob der potentielle Student teamfähig ist, gut empathisch kommunizieren kann, zu wissenschaftlichem Lernen motiviert ist, praktisches Geschick zeigt. Wenn dies funktioniert, kann er oder sie weiterstudieren. Wenn nicht, muss er eventuell erst eine weitere Praktikumszeit zum Beispiel in einem Krankenhaus absolvieren, oder es wird ihm eine andere Berufsausbildung im Gesundheitssektor vermittelt. Ein interessantes Einstiegs- und Befähigungskonzept, auf jeden Fall sinnvoller als das deutsche. Immer noch schwerpunktmäßig am Abiturnotendurchschnitt orientiert. Dies ist nun mal überhaupt kein Qualitäts- und Befähigungsmerkmal, was den Arztberuf angeht. Da könnten wir also etwas lernen und übernehmen aus Rojava.

Abschied von Rojava

Zurück in Qamishlo wohne ich wieder im „Heim der Verletzten“. Ich werde wieder herzlich empfangen und fürsorglich betreut. Der Abschied fällt mir schwer. Trotz der so kurzen Zeit, habe ich viele dieser Menschen ins Herz geschlossen.

In Gedanken beantworte ich mit einem Lächeln eine Frage, die mir wahrscheinlich in der Heimat häufig gestellt werden wird: „Hast Du denn keine Angst gehabt?“ Ich habe Respekt vor dieser Situation, dieser Kriegsnähe in Rojava, aber nicht unbedingt Angst. Das gefährlichste war, mit einem Lächeln ob der Lebenssituation dort, nicht angeschnallt Auto gefahren zu sein und jeden Tag und Abend in einer Nikotinwolke leben zu müssen. Alle, besonders die Ärzte, sind Kettenraucher. Ich habe dies mit meinem westlich, in gesicherten Verhältnissen lebenden Hintergrund, zeitweise thematisiert. Dies hat nur ein müdes Lächeln und Schulterzucken hervorgerufen. Was interessieren die Gefahren des Rauchens in 20 Jahren sehr wahrscheinlich an Krebs zu erkranken, wenn ich noch nicht einmal weiß, ob ich den nächsten Tag in diesem Kriegsgebiet noch erleben werde. Nachvollziehbar, aber meinen Lungen nicht wirklich zuträglich J

Was bleibt? Es bleibt sehr vieles, dass ich jetzt nicht alles in Worte fassen kann. Es braucht Abstand und Distanz, um das Erlebte zu verarbeiten. Beeindruckend war die Herzlichkeit der Menschen, die gelebte Mitmenschlichkeit als etwas zutiefst Natürliches. Eine funktionierende basisdemokratische Selbstverwaltung, ein verinnerlichter authentisch gelebter respektvoller und emanzipatorischer Umgang zwischen den Geschlechtern, unterschiedlichen Kulturen, Religionen und verschiedenen Ethnien. Es bleibt die Not und das Leid. Die Notwendigkeit unserer moralischen Solidarität, die sich auch in einer finanziellen Unterstützung ausdrücken muss. Es bleiben Begegnungen, die ich nicht vergessen werde und die mein Leben verändern werden, das spüre ich schon jetzt. Ich werde wiederkommen! Inschallah!

Ich umarme zum Abschied viele YPG Kämpfer. Ein oberschenkelamputierter Kämpfer umarmt mich und sagt zum Abschied „Victory!“

An keinem anderen Ort, und ich war in meinem Leben an vielen Orten auf dieser Erde, habe ich gelebte Gleichwürdigkeit, so authentisch verwirklicht und gelebt erfahren wie in Rojava.

Beirut, 31.3. 2017

Gerhard Trabert